Flagge Uruguays Philippinen Fotos

Aufenthaltszeit: 22. April - 04. Juni 2004

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Dirk war erneut von April bis Juli 2004 für das Komitee Ärzte für die 3.Welt unterwegs. Diesmal war er auf Mindanao / Philippinen. Dort in Valencia unterstützt das Komitee ein kleines Krankenhaus. Von Cagajan de Oro werden dann 10-tägige Touren mit der "Rolling Clinic" zu entlegenen Dörfern unternommen, um den Bewohnern dort eine basale medizinsche Versorgung zu bieten.

Sonntag, 25. April 2004
Der Flug nach Manila war nur deshalb besonders, weil ein Passagier in Frankfurt nicht kam, sein Gepäck aus Sicherheitsgründen wieder raus musste und ich so wieder über eine Stunde in der Maschine auf dem Erdboden festsass. Das gleiche wiederholte sich übrigens wieder in Manila nach Cagajan de Oro. Der Lufthansaservice war gewohnt mittelmäßig und auch die Maschine war so in der Mitte zwischen Iberia und Air NZ. Die Filme hab ich dann glatt verschlafen - und dann war ich wieder in Bangkok. War schon irgendwie seltsam. Beim Flug sah man dann nur die Verkehrsstaus. Später sind wir dann über die Sanddünen von Nathrang/Mui Ne ins chinesische Meer geflogen.
In Manila habe ich erst mal drei Geldautomaten durchchecken müssen, eh mir ein Philippino verriet, dass das Limit hier 5000 Peso (75 Euro) ist, ganz schön teuer, wenn man dann mal mehr Geld will. Die Fahrten ins und vom Hotel waren ok und nicht übermaessig teuer (ich hatte keinen Bock, lange zu handeln) und das Zimmer in einem schönen alten Gebäude mit nettem Biergarten (wenn auch laut und nicht ohne eine, jetzt tote, Kakerlake). Nach einem Bier und einer Suppe habe ich dann ganz gut geschlafen. Was ich von Manila gesehen habe, unterscheidet sich prinzipiell nicht von anderen asiatischen Großstädten. In Cagajan de Oro hat mich dann ein Fahrer abgeholt - zur Enttäuschung der 100 Taxifahrer, die mich schon von weitem anbrüllten. Jetzt werde ich gleich meine Sachen umpacken und morgen gehts dann nach Valencia.

Samstag, 01. Mai 2004
Montag Morgen ging es los nach Valencia, mit Stop am Organisationsbüro. Da habe ich dann endlich die mit genommenen Sachen loswerden können und meine Wertsachen gleich im Safe gelassen. Die Rückflugbestätigung ist gleich mit geregelt worden. Dann bin ich mit einem Rolling Clinic Team mitgefahren und nach 2 Stunden waren wir in Valencia. Die Gegend ist recht hügelig und in der Ferne sieht man hohe Berge. Fast alles ist abgeholzt und landwirtschaftlich genutzt und der Straßenrand fast durchgehend mit den typischen Hüttenansammlungen zugebaut. Alles sehr zersiedelt, aber ich denke, wenn man den Highway erst mal verlässt ist die Gegend ganz schön. Valencia ist eher klein und das Zentrum nicht so verstopft wie sonst oft. Man sieht auch oft, dass die Straßen zumindest vom groben Schmutz befreit werden. Überall kreuzen wieder die 2takt-Tuctucs und Mofas, aber man kann eigentlich herumlaufen, ohne dauernd in den Dreck springen zu müssen. Auch gibt es viele Häuser mit Gärten und Bäumen.
Das Krankenhaus ist einstöckig und besteht aus drei Räumen. Ein Pavillon mit der Tuberkulose-Station, ein Haus mit Kantine, Übernachtungsraum für die watcher (Angehörige, die die Patienten versorgen) und das Haupthaus. Da haben wir Labor, Untersuchungsräume, Schwesternbereich, Funktions- und zwei Patientenräume (10 Betten). Vor den Räumen sitzen dann die Ambulanzpatienten und vor dem Haus alle, die gerade gewogen, gemessen oder registriert werden oder aber innen nicht mehr rein passen. Mit der deutschen 6-Monats-Koordinatorin Martha und 1 bis 2 philippinischen Kollegen betreuen wir dann gut 200 ambulante und die stationären Patienten. Die Arbeit ist schon sehr interessant. Im ambulanten Bereich haben wir ein riesiges Spektrum: Hyperthyreosen (Schilddrüsenüberfunktionen), viele Würmer und Leberegel, Verletzungen, Epilepsien usw. usf. Am Tag mache ich so 4-5 Sonos, meistens bei Ikterus oder Tumorverdacht, aber auch Schwangerschaftsblutungen und riesige Schilddrüsenzysten sind darunter. Und auf Station haben wir viele sehr kranke Kinder (und einige freche Bengel).
Unser Haus hier ist schön gelegen in einem wenn auch vernachlässigten Garten mit großen Mangobäumen. Wenn auf das Wellblechdach eine Mango oder noch besser eine Kokosnuss fällt, meint man, eine Bombe sei explodiert. Nachts gibt es dann noch die Kakophonie tausender Kampfhähne (einige haben 4 oder 5), Straßenhunde und Mopeds sowie morgens schwerer Laster. Ein Hoch auf die Ohrstöpsel. Sonst ist es ganz schön, mein Zimmer groß und die Matratze zwar Plastik, aber sauber und bequem. Nur der Haushalt ist nach Dhaka eine Enttäuschung. Alle 2 bis 3 Tage kommt jemand zum Saubermachen (mehr oder weniger) und Wäsche holen. So dauert ein T-Shirt schon mal 3-4 Tage. Das Essen gibt es aus der Kantine, wo es manchmal schon stundenlang steht, wir machen es uns dann im Haus später warm. Fast immer Reis mit Gemüse, mittags Suppe. Ich habe erst mal Cornflakes besorgt und heute Milchreis mit Papaya und Rosinen (aus meinem Studentenfutter) mit Mangomarmelade gekocht - yum.

Montag, 10. Mai 2004
Und schon ist die Klinikzeit wieder vorbei. Gerade hatte ich mich an den Luxus gewöhnt, Diagnosen mit grundlegenden Laborwerten, Röntgen oder Ultraschall überprüfen zu können, und schon geht es in die Rolling Clinic(RC), mit Augen, Ohren, Händen und den Erfahrungen der einheimischen Helfer als einzigem "Werkzeug". Aber auch in dem kleinen Krankenhaus wurden sehr oft die Grenzen erreicht. Ein ausgezehrter junger Reisbauer mit Herzfrequenz 140, Atmung 40-50, einer Lungenaufnahme, auf der die Tuberkulose kaum noch dunkle Felder übriggelassen hat wird vom philippinischen Kollegen nach Hause geschickt (über eine Stunde Holperstrecke), weil er keinen Watcher hat, der für ihn im Krankenhaus sorgt (Essen, Waschen etc.). Und wohin mit ihm, falls er stürbe und kein Watcher, der ihn wegbringt? Solche Unannehmlichkeiten nur wegen eines Patienten... Ob er die Fahrten überlebt hat, habe ich nicht mehr mitbekommen. Live is hard on the Philippines, und als Single bist du da so und so gekniffen. Den Abschied schwer machten vor allem die Rotznasen aus der Chirurgie, mit großen Brandwunden oder komplizierten Knochenbrüchen. Die Dreikäsehochs waren so einfach zum Lachen zu bringen. Zweien hatte ich einen aufblasbaren Kugelschreiber geschenkt. Irgendwann erklärten sie treuherzig, die Tinte sei alle. Zusammen mit ihren Freunden hatten sie nämlich die Plastikmatratzen etwas zu ausgiebig verziert. Danach war Putzdienst angesagt und zur Belohnung hat Martha dann ein Eis ausgegeben. So ein Cornetto hatten sie noch nicht gesehen - ich musste alle Eis aufmachen, weil sie völlig ratlos vor der Tüte kapitulierten.
Durch Betriebsausflug und Wahlen ist jetzt langes Wochenende. Auf den Ausflug war ich mehrfach eingeladen worden. Das Budget betrug Euro 4,50 pro Person. Was für einen Betriebsausflug man damit machen kann? Nun, auf den Philippinen reicht das für 3 Tage Beach Resort. Das Essen wird vorgekocht oder unterwegs eingekauft, alles zwängt sich auf zwei Lastwagen und ab geht's an den Strand. Das Resort ist darauf schon eingerichtet, es gibt Grills und Essplätze für Selbstversorger und die Unterkunft entspricht Hostelstandart (incl. kaputter sanitärer Anlagen).Und bei Volleyball - und anderen Spielen, im Swimmingpool oder im Meer fällt dann gar nicht mehr auf, dass das Geld eigentlich nur für einen Hamburger und ein Bier reichte. Übrigens, das Essen - es ist wohl der Nationalsport der Philippinos. Wenn nicht gerade Essenszeit ist, kann man ja zumindest einen Snack verdrücken, oder zwei. Es werden Massen aufgetürmt, aber man sieht selten Reste. Und da natürlich vor allem amerikanisches Junkfood in ist, sieht man bei den etwas wohlhabenderen auch einige Ringe wabern. Ein großer Kontrast zu den halbverhungerten Manobofrauen in der Klinik.
Ich bin dann vom Ausflug früher weg, weil Petra - eine Kollegin in Cagayan de Oro - Whitewater-Rafting gehen wollte. Geplant war Aufbruch neun Uhr und ich bin auch pünktlich um halb eins abgeholt worden - Philippine-Time eben. Im Bus nach Cagayan hat mich dann eine ältere Dame eindringlich vor Taschendieben gewarnt (die waren aber im Schnitt kleiner als mein Rucksack, was sie wohl abgeschreckt hat). Dann hat sie mich zum richtigen Jeepney dirigiert und beim Aussteigen hat sie den ganzen Transporter, der zwischenzeitlich weitere Details meiner Mission kennenlernte, genau instruiert, wo ich aussteigen musste. Dort hat mich dann die nächste unter ihre Fittiche genommen, mich in ein Tricycle verfrachtet und ist mitgefahren bis vor die Haustür. Schließlich hat sie mir noch verweigert, das Tricycle zu bezahlen und ist fröhlich in die entgegengesetzte Richtung, in die sie eigentlich wollte, abgefahren. Heute beim Rafting passierte wieder ähnliches - wir hatten nur Bananen und Nüsse mit, was bei den einheimischen Mitfahrern auf blankes Entsetzen stieß, schließlich war doch eine Mittagspause vorgesehen! Es endete mit einer Einladung an uns alle Vier, doch bei Ihnen mitzuessen, bis wir alle nicht mehr Papp sagen konnten und kaum wieder ins Boot kamen. Und dabei hatten wir zum Leidwesen unsere Gastgeber noch gar nicht die Kochbananen probiert oder alle Shrimps aufgegessen. Diese waren nach und nach auf unserem Bananenblatt aufgetürmt worden mit der Begründung, man möge sie nicht. Petra, die schon 5 Monate hier ist, wusste aber, das sie eigentlich als Delikatesse gelten und sie nur erreichen wollten, dass wir ohne schlechtes Gewissen essen. Und da wir keine wasserfeste Kamera mehr bekommen hatten, machten unsere Mitfahrer noch schnell ein paar Fotos mit uns, die sie uns schicken wollen. Der peinliche Gedanke, wie ein paar asiatische, nicht deutsch sprechende Ausländer bei uns behandelt würden, kommt einem unwillkürlich.
Das Rafting war fantastisch. Die Stromschnellen waren gerade so heftig, dass es spannend war und Spaß machte, aber selbst von den Kindern keins rausfiel oder man den Eindruck hatte, es sei gefährlich. Der Fluss war so warm, dass man höchstens freiwillig über Bord ging, um eine Strecke mal zu treiben. Zwischendurch konnten wir, unter den Augen verwunderter Dörfler, mal von einer 7-8 Meter hohen Brücke springen (besonders ungewöhnlich, wenn man die normalen Vorstellungen von einem pensionierten Chefarzt der Urologie dabei im Hintergrund hat, wenn Gerhard abspringt). Ein Seitenarm des Flusses hatte einen großen höhlenartigen Bogen in die Kalksteinfelsen gegraben, komplett mit winzigen Schwalben und einer schönen gelbschwarz glänzenden Giftnatter. Auch sonst war die Landschaft trotz der Nutzung (Bananen, Kokospalmen) und der doch erheblichen Abholzung sehr schön. Steilhänge, enge Schluchten, Höhlen, viel Grün und dann immer wieder eine neue Stromschnelle, durch die wir kreiselten und hüpften. Jetzt habe wir alle Sonnenbrand, heute wird sich ausgeruht, denn morgen beginnt der Ernst des Lebens wieder - mit Landrover, Büffel oder zu Fuß zur Sprechstunde in die Dörfer.

Samstag, 15. Mai 2004
Die erste Hälfte der Tour durch den Osten der Provinz Misamis Oriental ist vorbei - Zeit, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Zeit ist auch das Stichwort, denn davon hat man hier fast zu viel. Wir haben zwar in den ersten viereinhalb Tagen über 400 Patienten behandelt, aber durch die anfängliche Hilfe der örtlichen Landärztin waren wir trotz Unterricht der mitfahrenden Studentin meist um 15 Uhr schon fertig. Und da das Wort Nachtleben in den Dörfern ein Widerspruch in sich ist, besteht die eigentliche Prüfung nicht in der ärztlichen Tätigkeit, sondern im Totschlagen von Zeit und hunderter Moskitos. Am Dienstag waren wir nach dem recht friedlichen Wahltag - nur 60 Tote auf Mindanao im Wahlkampf - entlang des National Coastal Highways nach Salay aufgebrochen. Format Kleinherbeder Straße, aber 20 mal soviel Verkehr plus Hunde, Kühe und Schweine. Hier ist das Prinzip "Wer auffährt ist schuld" perfektioniert worden. Man sieht gar nicht mehr nach hinten, ob man jetzt losfährt, plötzlich bremst oder dreht, sondern wer von hinten kommt, und sei es mit 100 km/h, muss halt aufpassen und sich durch Hupen rechtzeitig bemerkbar machen. Wahrscheinlich ist die resultierende niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit die beste Lebensversicherung. Von der Hauptkampfbahn gehen dann die Stichstraßen in die Bergdörfer ab. Wenige Meter nach dem Abbiegen wird aus der Straße ein Feldweg, der in Abschnitten eher einem ausgetrockneten Flussbett mit Findlingen ähnelt. Leonardo, unser Fahrer, ist allerdings einiges gewohnt und meistert auch größere Schräglagen souverän. Problematisch wird es nur, wenn der Regen die steilen Hänge in Schmierseife verwandelt. So brauchten wir am 2. Morgen schon Schneeketten. Leonardo hat mich dann jede Minute gefragt, ob die auf meiner Seite noch dran ist - sie sind eigentlich für ein anderes Reifenformat gedacht - und hat darüber übersehen, dass seine vor einiger Zeit schon abgefallen war! Also wurde die anwesende Dorfbevölkerung erst mal zum Suchen geschickt, bevor es weitergehen konnte.
Obwohl einige Dörfer nur knapp 3 km vom Highway entfernt sind, sind sie bei Regen unerreichbar! Die Dörfer selber liegen dann oft wunderschön. Von bis zu 1000 m Höhe (herrlich kühl) blickt man über Bananen- und Kokosnusspflanzungen und wilde Wiesen (der Wald wurde schon längst abgeholzt) hinunter auf das Meer und ferne Vulkaninseln. Meist ist gut aufgeräumt und in den Gärten blühen Blumen. Aber die einfachen Häuser zeigen schnell, dass das hier kein Paradies ist. Je weiter vom Dorfkern entfernt, desto zusammengestückelter sind sie, oft mit schiefen Wänden aus Wellblech, Restholz und Plastik. Genauso abwärts geht es mit der Wasserqualität. Und gerade in den weiter entfernten Dörfern sieht man doch viele unterernährte Menschen und fehlentwickelte Kinder. Völlig abgezehrte Frauen, die mit dem achten Kind auf dem Arm schwere Feldarbeit verrichten, sind nicht selten. Aber sogar hier sind die sozialen Kontraste groß, neben den großen Häusern der Potentaten krähen Dutzende von Kampfhähnen, die im Verkauf durchaus mal 20.000 Pesos (300 Euro) pro Tier einbringen, und unter die Patienten verirrt sich auch mal die eine oder andere fette Diabetikerin.
Eigentlich sehe ich ständig etwas Neues. Wasserbüffel beim Pflügen, Kinder auf selbstgebauten Holzmotorrädern oder -autos in halsbrecherischer Fahrt den Hügel hinabrasend (bis alle 6 Dreikäsehochs - macht das dann eigentlich 18 Käse? - in der Kurve mit lautem Gegacker herunterfallen), mittelalterlich anmutende (Feld-)Arbeitsszenen und bei den Patienten Bilder, die man oft nur aus historischen Büchern kennt. Eine Frau hatte einen so großen Kropf, dass er in Etappen operiert werden musste. Aber auch nach 2 OPs sah er aus, als habe man ihr einen Gummireifen um den Hals gelegt. Gestern rief dann unser Koordinator an und fragte nach meiner Blutgruppe. Eine Kollegin hatte sich im Einsatz ein Bein gebrochen. Die Blutgruppe passte aber nicht, die OP ging auch so gut über die Bühne und ein Kollege hat sich spontan bereit erklärt, seinen Flug sausen zu lassen und eine Woche dranzuhängen - Hut ab! Ich habe mich dann zwecks Krankenbesuch und "nach Hause telefonieren" (auch um mal wieder richtig zu duschen) auf den Weg nach Cagayan gemacht, sollte ja nur eine Stunde dauern. Waren dann aber doch über zwei, die Kollegin war gar nicht da (war in Valencia operiert worden) und am nächsten Morgen musste ich dann um Viertel vor Fünf raus, um das Team wieder pünktlich zu erreichen, was eigentlich Unsinn war, da hier nie irgend etwas pünktlich ist, es sei denn, man verlässt sich darauf, Zeit zu haben. Es war jedenfalls ein recht aufwendiger Anruf!

Dienstag, 18. Mai 2004
Sensation! Am Samstag habe ich zum ersten Mal - nach dem klimatisierten, sprich schockgefrosteten Taxi in Manila - meine Jacke gebraucht. Wir haben unter freiem Himmel gearbeitet und hatten Glück, dass es nicht regnete. Warum wir allerdings nicht in dem schönen großen Haus, dass hinter uns leer stand, gearbeitet haben, bleibt ein Rätsel.
Gerade läuft ein aufgeregt piepsendes Huhn quer durchs Wohnzimmer zu meinen Füssen, um zwischen den Zehen nach Reiskörnern vom Frühstück zu suchen. Wir sind bei einem Ratsmitglied von Sebantang untergekommen. Die Präferenzen hier sind schon witzig. Zum Plumsklo muss man halsbrecherisch klettern, möglichst, ohne von den Schweinen gebissen zu werden, die Waschgelegenheit - sprich Wassertank mit Schöpfkelle - ist nach allen Seiten offen (Huhu, Frau Suhrbier!), aber man hat DVD-Player, Karaoke-Anlage und turmhohe Boxen. Da haben wir dann gestern abend schaurig schöne Lieder gegrölt. Morgens begrüsst einen ein anderes Konzert: die Schweine - die neben dem Klo - quieken, die Hähne krähen, der Büffel brüllt und um 5 uhr 30 spielt der Nachbar dann "Golden Oldies" in Düsenjägerlautstärke.
Aber noch kurz zur Rolling Clinic: Sonntag, Kidampas: Wir schlafen im Dorfkindergarten. Die Wasserleitung streikt und so fällt die Dusche aus. Draußen streift uns gerade ein Taifun, exakt ein Jahr nach dem, der uns auf Palau erwischte (ist die gleiche Taifunalley). Es kommen daher nur 60 Patienten in den umfunktionierten Kindergarten - erst haben wir auf den Tischen geschlafen, dann darauf gefrühstückt und jetzt dienen sie als Apotheke und Praxis. Weiter mit Schnee- bzw. Matschketten, diesmal ohne Verlust. Montag, Dahilig: Die Strasse ist ein neuer Tiefpunkt, und um schnell Hilfe holen zu können, wenn wir stecken bleiben, begleitet uns der Barangay-(=Dorf)Käptn - einschließlich zweier Hühner für unsere Versorgung, die er kurzerhand kopfüber in eine Plastiktüte gesteckt hat, aus der sie sich dann mit viel Getöse erst mal befreit haben. Wir kommen aber irgendwie durch. Vor Ort dann reiner Luxus - ein eigenes Zimmer. Leider auch hier kaum Wasser, der Taifun hat wohl etliche Leitungen zerpflückt. Aber auch sonst ist die Wasserqualität nicht gut und das Dorf sehr arm - wir sehen viele Haut- und Mangelkrankheiten. Für uns wird aber immer das beste Essen gekocht. Das heißt, dass es Hähnchenfleisch und Obst oder Gemüse gibt. Ein Luxus, den sich viele hier wohl nicht leisten können. Aber es gibt natürlich auch andere Faktoren, wie Unwissenheit - der Boden hier könnte sicher Gärten mit vitaminreicher Nahrung tragen, wenn sie nur angelegt würden. Und die Werbung trifft hier noch einfacher auf Opfer als bei uns und so wird oft das Obst zum Markt gebracht unsd zumindest ein Teil des Erlöses in Junk Food angelegt - die Zähne vor allem der Kinder sind entsprechend katastrophal. Ich habe wieder ein eigenes Zimmer, daraus wird dann morgen früh die Praxis und aus meinem Bett die Untersuchungsliege. Es soll voll werden, also mach ich jetzt lieber erst mal Schluss.

Freitag, 21. Mai 2004
Die erste Rolling Clinic ist beendet. Die Wasserprobleme haben uns noch bis zuletzt verfolgt und so ist die erste richtige Dusche ein Erlebnis. Am vorletzten Tag, in Bangbang, waren zu unserem ersten Besuch dort über 110 Patienten erschienen. Statt der ubiquitären Softdrinks gab es frische Cocosnuss zu trinken - eine hochwillkommene Alternative. Bei dem doch oft fettigen und süßen Essen wird's wohl mit Abnehmen nix. Gestern habe ich mir noch in meiner Praxis - sprich Schulveranda - einen Sonnenbrand geholt. Hat man zuhause auch nicht oft, und so geht's vorgebraten nach Camiguin Island.

Sonntag, 23. Mai 2004
Ich kann verstehen, wenn die Kontraste zwischen der Arbeit und der Freizeit einigen Kollegen zu schaffen machen, aber sie sind doch deutlich milder als zum Beispiel in Bangladesh. Die schöne, wenn auch durch Raubbau an den Wäldern und Zersiedelung vernarbte Landschaft setzt sich auf Camiguin fort. Die eher kleine Insel - nach 60 km ist man einmal rum - enthält Vulkane, Wasserfälle, heiße Quellen und kalte Pools, Wälder und Palmenhaine und vor der Küste schöne Korallengärten. Bei 27 Grad Wassertemperatur und wenig Strömung hatten wir zwei schöne, ruhige Tauchgänge, zwar ohne dramatische Großtiere, aber mit vielen interessanten "Kleinigkeiten" wie Nacktschnecken, Sandaale, Angler- und Löwenfisch. Die Lavadome, die ein erloschener Vulkan im Meer hinterlassen hat, waren dicht mit Korallen und Anemonen bewachsen und wimmelten von bunten Fischen. Das beste am Restaurantessen war, dass es zum ersten Mal seit langem auch Mahlzeiten ohne Reis gab, ein Konzept, dass bei den Phillipinos sicher auf Kopfschütteln stößt. Nachdem wir dann noch die Rückfahrt auf einem durchgerosteten Eimer überstanden haben, beginnt morgen wieder der Ernst des Lebens, nicht nur kulinarisch.

Donnerstag, 27. Mai 2004
Hilfe - ich schmelze! Auf dieser Tour haben wir ein festes Quartier, bei den Eltern einer Schwester. Leider ist deren moderne Stein- und Wellblecharchitektur nur bedingt tropentauglich - die Feuchte hält Millionen von Moskitos am Leben und die abgestrahlte Hitze lässt auch abends um neun noch die Brille beschlagen. Dabei tun die Gastgeber wirklich alles, um den Doktor zu verwöhnen. Der einzige Ventilator wurde sofort in mein Zimmer geschleppt und aufwendig verdrahtet und als ich heute waschen wollte, bot man die Waschmaschine(!) an. Das war dann aber komplizierter, als ich in meiner Naivität dachte. Erst mußten mehrere Plastikschläuche mit Plastikfolie und Gummiband zum Zulauf vereinigt werden. Der Abflussschlauch kam einfach auf den (später entsprechend überfluteten) Boden. Das musste man den Wasserhahn aufdrehen, bis die Maschine wunschgemäß voll war. Das war einfach zu verfolgen, weil kurzerhand der Deckel abmontiert wurde. Nach drei Mal Hahn auf und zu wrang ich die Wäsche dann per Hand aus (Schleudern war ausgefallen) und fertig war die Laube. So hatte ich mühelos mit einer halben Waschladung drei Leute beschäftigt.
Medizinisch hätten wir gestern einen Horrorstreifen besetzen können. An Kröpfe von Gummireifengröße habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber dieser Patient war ein Wunder. Morbus Winiwarter-Bürger besagt ungefähr, dass bei einigen Männern starker Nikotinkonsum zum Verschluss von Blutgefäßen in Händen und Füßen führt. Seit 7 Jahren schritt dies hier fast unbehandelt voran, ohne dass er das Rauchen drangegeben hätte. So war dann von einem Fuß nicht mehr viel übrig - außer unglaublichem Gestank, schwarzen, wie verbrannt heraussteckenden Knochenstummeln und einer guten Portion Eiter. Im Büro des Pfarrers haben wir dann auf einer herbeigeschleppten Kirchenbank versucht, die Wunde zu versorgen. Die Hände und der andere Fuß fingen auch schon an abzusterben, und dass der Mann nicht schon vor Jahren an einer Blutvergiftung gestorben ist, ist besagtes Wunder.
Mal schauen, was die letzten Tage noch bringen, jetzt versuche ich erst mal, mit ein paar Kellen Wasser die Kernschmelze zu verhindern, ohne von den Mozzies gefressen zu werden.

Samstag, 29. Mai 2004
Es wird zwar manchmal recht lang, aber selten langweilig. Um den Untersuchungsort herum streiten sich Truthähne mit Hühnern und Hunde jagen junge Zicklein, nebenan wird Mais getrocknet. Es ist überraschend, dass davon etwas übrig bleibt, denn wenn nicht gerade ein Basketball hineinfliegt, fressen die Ferkel oder Spatzen ihren Anteil. Man fragt sich dann immer, welche zusätzlichen Nährstoffe unser Mittagessen enthält. Gestern, nachdem 100 Patienten behandelt waren (nach dem Rekord von 225 kurz zuvor) und wir gerade loswollten, wurde unter großem Hallo eine alte Dame herangeschleppt, die wohl gerade eine Synkope (Kollaps mit Bewußtlosigkeit) gehabt hatte. Sie war schon wieder bei Bewußtsein (Herzfrequenz 200, Lungenödem) und unter Anteilnahme der Gesamtbevölkerung (und einer Schar blutrünstiger Mücken) konnte ich dann auf der Ehrentribüne des Basketballfeldes Infusionen und Spritzen verabreichen. Better than TV! Und dann ab ins Krankenhaus - sagt sich so leicht. Schließlich saß sie mit Tochter neben mir auf dem Rücksitz unseres Pick-up und wir fuhren über einen Feldweg 3.Klasse Richtung Magsaysay. Unterwegs anhalten zum Puls messen/abhören und Oma wieder auf den Sitz hieven, dann ging das Gehüpfe weiter. Wahrscheinlich wäre es gar nicht aufgefallen, wenn sie zwischendurch nicht mehr geschnauft hätte. Ankunft im Emergency Hospital: junge Kollegin, alleine, kaum Medikamente und die einzige !! Sauerstoffflasche war zur Wartung. Was die Kollegin dort eigentlich tut, außer täglich frustrierter zu werden, bleibt ein Rätsel. In diesem Licht scheint dass, was Ärzte für die Dritte Welt in dieser Region leisten und in den letzten Jahren aufgebaut haben, trotz mancher oft schmerzlicher Limitierungen in der Behandlung unserer ambulanten Patienten umso wichtiger und wertvoller.
Der Abend war dann kurz und der Schlaf tief, bis mich ein Kratzen auf meinem Knie weckte und ich trotz Moskitonetz auf die hässliche Fratze einer Riesenkakerlake blickte - blääääh! Heute ist dann noch ein Reifen geplatzt, die "Straße" besteht aus Erdrutschen, Matsch, tiefen Auswaschungen und Flußquerungen; die Hoffnung, dass es nicht regnet - sonst können wir hier wohl übernachten - hat sich schon vor Beginn der Klinik erledigt. Aber Nazar hat den neuen Reifen drauf - also schaun mer mal!

Mittwoch, 02. Juni 2004
Finale - ich bin zurück in Cagayan. Gerade habe ich zwischen sintflutartigen Schauern meine letzten Pesos in DVDs (nur echt mit chinesischen Untertiteln) angelegt, jetzt wird gepackt und morgen geht's ab nach Hause. Wird auch Zeit, ich bin ganz schön geschafft. Das ganze Hin und Her der letzten Monate, dabei 5 Intercontinentalflüge, hat doch ziemlich geschlaucht. Gegen Ende wurde es hier noch ein wenig kitzelig; die Straßen waren so schlecht wie nie und die in den letzten Tagen merklich einsetzende Regenzeit machte wahre Rutschbahnen aus ihnen. Das ist dann bei teilweise nur fahrzeugbreiten Fahrbahnen zwischen Hügel und Abhang nicht mehr spaßig. Aber Nazar meisterte das gewohnt souverän - naja, einmal rutschte das Heck Richtung Fluß, aber solche Kleinigkeiten können uns ja nicht erschüttern.
Heute gab es dann zum Abschied noch mal einen großen Andrang, und da der Pastor natürlich gerade an diesem Tag im einzigen geeigneten Untersuchungsraum Messe lesen musste, ging es erst spät los. Mit 4 Stunden Rückfahrt vor der Brust haben wir dann, Dank der guten Mitarbeit vor allem meines Übersetzers, neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt - knapp 100 Patienten in 4 1/2 Stunden. Richtige Medizin sieht anders aus, aber besser, als Leute wegzuschicken, denn der nächste Arzt kommt hier frühestens in 6 bis 12 Wochen. Alles in Allem waren die 6 Wochen gut organisiert, ich habe mit einfachen Mitteln über 2000 Patienten behandeln können, ohne dabei die Arbeit als mühevoll zu empfinden, wozu natürlich die Freundlichkeit und Dankbarkeit der Leute viel beigetragen haben. Es hat sich mehr als gelohnt. Ich kann Kollegen, die dies lesen, nur Mut machen, es selber mal zu versuchen; alle Anderen seien eindringlich auf das Spendenkonto für Ärzte für die 3.Welt hingewiesen !!!


Freitag, 09. Juli 2004
Wir sind beide wieder am Arbeiten und die letzten zwei Jahre fangen schon an, hinter den Alltag zurückzutreten. Noch fragt sich aber vor allem Dirk jeden Morgen, ob er wieder zur Arbeit muß, schließlich war er da ja gestern schon. Das reicht doch wohl, oder?! Schluchz! Und dieses Wetter...
Aber es ist auch schön, den Einen oder die Andere mal wiederzusehen. Vielen Dank an alle, die unterwegs den Kontakt nicht haben abreißen lassen, Danke für das prallvolle Gästebuch und ein besonderer Dank an Brigitte und Siegfried für die tolle Unterstützung unserer kleinen Reise. Und schließlich ein spezieller Gruß an alle unsere "neuen" Freunde von unterwegs - hope to see you again soon!

Machtet gut, allet Liebe von

Dirk und Sabine



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