Bangladesh
Bericht vom Einsatz für "Ärzte für die 3. Welt" (11. Juli bis 03.Oktober 2002)
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Bilder von der Arbeit in Dhaka
Reiseroute
Das Komitee Ärzte für die 3.Welt unterhält in Dhaka/Bangladesh ein Projekt, bei dem ein fester Stab von einheimischen Helfern beschäftigt ist. Von Deutschland aus kommen Ärztinnen und Ärzte in ihrem Urlaub dorthin, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Für die beiden Ärzte steht eine Wohnung zur Verfügung und eine Haushälterin kocht und putzt. An 5 Tagen in der Woche werden sie jeweils vor- und nachmittags in ein Slumgebiet gefahren, wo in einer Schule, einer Hütte oder einfach einem mit Tüchern abgeteilten Areal die "Ambulanz" abgehalten wird. Dabei hilft ein Dolmetscher bei der Verständigung und die einheimischen Healthworker organisieren den Rest. U. a. wird für die wartenden Patienten einfacher Gesundheits- und Hygieneunterricht abgehalten.
Freitag, 12.Juli 2002
Der Flug von Frankfurt über Bankok und der Weiterflug nach Dhaka waren eher nervig. In Frankfurt bestand erstmal Unklarheit, ob mein Gepäck durchgecheckt werden kann.
Als es dann hieß, es ginge, habe ich das Resultat zwar eher in Timbuktu erwartet, doch 10 Minuten nach Ankunft in Dhaka hatte ich meinen unversehrten Rucksack. Am Flughafen erwarteten mich Dieter (ärztlicher Kollege) und Babul (Koordinator vor Ort)
schon, so dass ich gegen 22.30 Uhr in der Wohnung war. Der Verkehr ist unglaublich, aber es scheint nie viel zu passieren. Die Wohnung ist einfach, aber sauber und verglichen mit der Umgebung schon Luxus. Die Ventilatoren leisten auch bei ca. 35 Grad C noch gute Dienste. Moskitos und anderes Getier gibt´s kaum - aber Menschen, Müll und Lärm ohne Ende. Schlafen ist noch sehr schwierig, weil Hupen und Klingeln, Gebell und Geschrei nie enden. Aber Dieter sagt, man gewöhnt sich dran.
Da die Kollegin doch schon am Tag meiner Ankunft abflog, habe ich dann gestern gleich losgelegt. Hauptsächlich Asthma, Haut- und Wurmerkrankungen und Erschöpfungszustände. Das erste Baby, dem ich wohl nicht mehr helfen kann, habe ich auch schon gesehen - mit 18 Monaten Oberarme wie mein Daumen, völlig unterernährt. Das vierjährige Geschwisterchen konnte gerade noch stehen, hatte aber keine Kraft zum Laufen. Evtl. klappt es mit Infusionen im Krankenhaus und dann Aufnahme in unser feeding-program, aber ich glaube es ist viel zu spät.
Heute sind wir mit einer Fahrradrikscha durch Dhaka gefahren. Der hagere Rikschafahrer musste uns Dicke durch diesen Verkehr wuchten. Wir haben ihm dann für die 4 Stunden das doppelte Geld gegeben, so dass es für ihn wohl eher ein guter Tag war - 300 Taka gleich 4 Euro. Erst sind wir zum Pink Palace, der aber wegen des Feiertags noch nicht geöffnet war. Dann haben wir uns eine Stunde durch den Hafen rudern lassen - sehr eindrucksvoll, aber der Begriff schön ist im Zusammenhang mit Dhaka wohl nicht anwendbar.
Sonntag, 14. Juli 2002
Babul, unser Koordinator, hat den Weg vom Straßenkind zum erfolgreichen Mittelstandsbürger gemeistert und schöpft jetzt nicht, wie die meisten anderen, den Rahm ab, sondern nutzt seine Möglichkeiten, den Slumkindern zu helfen. Er hat mehrere Schulen gegründet, wo die Kinder neben Unterricht auch etwas zu essen bekommen. Mittlerweile werden über 1250 Kinder unterrichtet, für gerade mal 2-4 Dollar pro Monat haben sie vielleicht eine Zukunft.
Eine dieser Schulen in Gandaria habe ich gleich am ersten Tag gesehen. Nachdem du durch Lärm, Dreck und Gestank gewatet bist, begrüssen dich 150 lachende und "Good Morning Doctor" johlende Kinder - eine unbeschreibliche Szene. Heute Morgen dann, nach wohl einigem Hin und Her in der Vergangenheit, ist die Schule mal eben so zusammen mit der Hälfte des Slums für eine Strasse platt gemacht worden. Heute nacht haben die Leute wahrscheinlich nicht mal mehr ein Stück Plastik gegen den Regen. Für 480 Kinder ist die Schule erst mal aus. Entsprechend miserabel ist hier z. Z. die Stimmung. Wichtig wären jetzt Spenden, um möglichst rasch wieder etwas aufzubauen.
Überhaupt sind die Eindrücke hier so wechselnd und stark, dass man schon nach vier Tagen kaum mehr mitkommt. Gerade gestern hatten wir so einen Tag.
Da Dieter sich nicht auf der Straße die Haare schneiden lassen wollte, waren wir im ersten Hotel am Platz- Luxus pur. Nachmittags haben wir dann einen Ausflug ins Umland gemacht - alles grün, tropische Pflanzen, Reisbauern wie vor 1000 Jahren. Ein Junge hat uns dann mit seinem kleinen Kahn über den See gesegelt - einfach himmlisch. Zurück standen wir dann 2 Stunden im Stau - ein infernalischer Mix aus Ruß, Lärm, Menschen - unvorstellbar. Man sieht so etwas im Fernsehen, aber eigentlich glaubt man es nicht, bis man drin steckt. Oder fahrende Züge, deren Dach voll von Menschen ist, wie nach dem Krieg bei uns. Es ist nicht möglich, auch nur annähernd alles zu schildern, was man hier in nur vier Tagen erlebt.
Mir selbst geht es gut, mit Ohrstöpseln kann ich auch schlafen. Die Arbeit geht erstaunlich leicht von der Hand und die Leute sind extrem freundlich. Die Temperatur schwankt zwischen 30 und 38 Grad, die Luftfeuchte zw. 80 und 95 %. Babul versucht ausdauernd, mir Bangla beizubringen und guckt immer ganz verzweifelt, weil ich alles durcheinanderwerfe.
Donnerstag, 18. Juli 2002
Nun sind ja schon in null komma nichts 10% meiner Arbeit rum. Das wird zwar nicht so fix weitergehen, da ja mit der Routine die Zeit langsamer vergehen wird, aber mir geht es hier gut und so lässt es sich aushalten. Das Essen ist gut und viel und abends gibt es immer ein Bier im Kühlschrank. Nachdem ich erfahren habe, was das hier kostet, werde ich das aber nicht zur Gewohnheit werden lassen - eine Dose 2 Euro! Dafür kann man eine Stunde Rikscha fahren.
Die Arbeit ist manchmal etwas frustrierend, vor allem da man sich diagnostisch wegen der Kosten sehr einschränken muß, was doch zu Unsicherheiten führt, vor allem wenn Ventilator, Geschrei drinnen und Lärm draußen allesamt weitaus lauter sind als der Atem des Kindes, das man gerade untersucht.
Bei vielen Erkrankungen sind einfach die Lebensumstände so, dass man höchstens kurzfristig Erleichterung schaffen kann. Eine ausgemergelte, steineklopfende Frau mit fünf Kindern ist mit 40 am Ende und außer Eisen und Vitaminen und etwas Zuwendung bleibt da nicht viel. Wahrscheinlich wird mein Leitsatz hier: "Besser als Nichts!".
Sonntag, 21. Juli 2002
Heute ist ein neuer Kollege, ein Kinderarzt, angekommen, so dass wir uns hoffentlich fachlich gut ergänzen und ich die Kinder besser betreuen kann. Es regnet jetzt deutlich mehr und heute hat es dann gegossen wie aus Eimern. Die Untersuchungshütte war aber dicht genug - es hat nur an wenigen Stellen getropft. Viel schlimmer ist das für die, die nicht nach der Sprechstunde wegfahren können. Aber es gibt auch einfach umwerfende Szenen - drei winzige nackelige Bengalis badeten in einem Schlagloch mitten auf der Hauptstrasse und ließen sich nur widerwillig von unserem Hupen verscheuchen. An einigen Stellen steht das Wasser in den Strassen schon einige Zentimeter hoch, läuft aber dann ganz gut mit einem Teil des Drecks ab.
Samstag, 27. Juli 2002
Die Arbeit schwankt zwischen Routine und spannenden Sachen. Eine 50jährige Frau hatte einen Trümmerbruch, einen Monat alt und vom herbal doctor mit einem Verband versorgt - der Arm wird wohl steif bleiben, oder sogar ein Falschgelenk entwickeln, ich befürchte, eine OP geht über unsere Mittel hinaus. Ein zehnjähriger Junge mit Meningitis konnte nicht mehr stehen und gehen, die Augen zeigten auf zwölf Uhr und die Mutter brachte ihn zur Behandlung von Würmern, die sie gesehen hatte - wie soll sie es auch besser wissen, da das Teaching unserer Healthworker oft der einzige Unterricht ist, den diese Frauen je hatten.
Der Monsun ist deutlich stärker geworden, so dass einige Straßen schon unter Wasser stehen, das aber meist schnell abfliest. In ganz Bangladesh sollen aber schon zwei Millionen ihre Wohnung verloren haben und der Monsun kann gut und gerne noch 6-8 Wochen andauern. Heute war es aber sehr heiß und wir waren in der alten Hauptstadt Sonargon, von der aber außer einer Brücke und einer Moschee nur noch Trümmer stehen. Die alte indische Stadt aus dem frühen 20. Jhdt. wurde nach der Vertreibung der Hindus vor 35-40 Jahren nicht mehr unterhalten und die früher sehr schönen Häuser sehen durch das Klima schon aus, als hätten sie 200 Jahre Dschungel hinter sich. Ein Haus ist restauriert und hat ein Museum und die Anlage und der Park sind leise, friedlich und sauber - eine Oase im Vergleich zu Dhaka.
Nach unserer Rückkunft gab es erst Essen, dann bin ich mit Francis ins Krankenhaus, um den Jungen zu besuchen. Wir mussten alles einzeln kaufen - Nadeln, Infusionen, Antibiotika. Dazu der tägliche Obolus für das Bett, die Arztkosten, Labor usw. Die Behandlung scheint aber anzuschlagen. Der Saal hat ca. 40 Betten, die Mütter, die die Pflege und das Essen besorgen, schlafen mit den Kindern in einem Bett. Den Geräuschpegel und die Luft kannst du dir vorstellen. Aber trotzdem ist dies ein großer Glücksfall - es war das letzte Bett, sonst wäre er nicht aufgenommen worden und sicher schon gestorben. Und ohne die Spendengelder, die wir investieren konnten, wäre er natürlich erst gar nicht an der Tür vorbeigekommen - freies Bett hin oder her.
Dann wollte ich mich, nach der üblichen rush hour endlich ausruhen, aber Francis, unser Mann für Krankenhauseinweisungen und Verbände hat mich zum Tee gebeten und da sagt man ja nicht nein. Ich bin dann so mit Keksen und Tee gefüttert worden, bis ich nicht mehr papp sagen konnte und musste zusagen, öfter zu kommen. Aber das fällt hier bei den freundlichen Leuten auch nicht schwer. Die Familie hat drei Kinder und wohnt in eineinhalb Räumen, in die es leider immer wieder reinregnet. Dabei gehören sie mit dem festen Gehalt von Francis und einem Zweitjob am Wochenende schon zu den besser situierten hier!
Donnerstag, 08. August 2002
Letztes Wochenende haben wir den ersten grossen Ausflug gemacht. Mit der Rocket, einem auf Diesel umgerüsteten Schaufelraddampfer aus dem Jahr 1929 ging es nach Mongla, im Süden des Distrikts Khulna, Süd-Bangladesh. Trotz seines Alters ist es eins der besseren und schnellen Schiffe. Trotzdem ging die Fahrt 22 Stunden, allerdings auch, weil wir an jedem Hühnerstall so lange hielten, bis auch der letzte fliegende Händler seinen Kram los war. Und das konnte schon mal 2 Std. dauern. Sobald aber Fahrt aufgenommen war, war es sehr schön. Eine kühle!!! Brise vom Bug, der erste Sternenhimmel in Bangladesh ohne Wolken, Smog und Citylights und die relative Stille waren herrlich.
Relativ wegen der Dieselmotoren und natürlich der tausend Fragen aller Mitreisender der ersten Klasse nach woher, wohin und warum. Einmal haben sich sogar Jugendliche am Steward vorbei gemogelt (wahrscheinlich gegen BakScheesch) sind an Bord, in die eigentlich gesperrte erste Klasse, nur um unsere Namen und Nationalität zu erfragen, haben sich bedankt und sind wieder von Bord gegangen! Die erste Klasse bestand aus einer recht sauberen kleinen Kabine mit bequemen 1,90 Betten und Waschgelegenheit, eigenem Toilettenschlüssel, Speisesaal (heruntergekommenes Empire) und einem schönen Deck mit Stühlen am Bug. Der Rest des Schiffes war heillos übervölkert mit Menschen, Gepäck aller Art, kleineren Tieren, sogar zwei Tuc-Tucs waren an Bord. Dazu der Lärm der nicht abgeschotteten Maschinen.
Die Leute saßen auf dem, was sie mitgebracht hatte, oder auf dem Boden. Die Latrinen spotteten jeder Beschreibung, die Küche sah nach einer Vor-Hölle mit zwei freundlich grinsenden bengalischen Teufelchen aus. Das Essen hat aber geschmeckt und war wie alles andere spottbillig. Ich war jedenfalls über die Tickets erster Klasse ganz froh, zumal die 22 Stunden ganze 13 Euro gekostet haben.
Der Kontrast zwischen Dhaka und der nun zu sehenden Küstenlandschaft war am nächsten Morgen kollossal. Winzige Dörfer, mal Wellblech, mal Bambus, zum Teil auch Schilfhütten wie in Afrika, dazu Fischerboote und Wasser ohne Ende.
Am Freitag sind wir dann um 16.00 Uhr in Mongla angekommen, meine bis dahin längste Schiffsreise. Die letzten Stunden hatte wir die erste Klasse quasi für uns und es gab keine grösseren Ansiedlungen mehr, also Ruhe pur, ein ganz neues Bangla-Erlebnis. Über den breiten Fluss konnten wir sehen, wie eine Regenfront schnell näherkam und dann kübelweise Wasser auf unser Boot kippte, ein sehr eindrucksvolles Schauspiel. Danach war es richtig kühl, aber in weiser Voraussicht hatte ich keine Jacke mit - Sellerie. In Mongla ging es dann per Rikscha - Autos habe ich, obwohl es der zweitgrösste Hafen ist, keines gesehen - zur St. Pauls-Mission, in der wir übernachtet haben.
Die Padres, hauptsächlich Italiener, betreiben eine Schule, ein kleines Krankenhaus mit Sono, X-Ray und OP (meist Kaiserschnitte) und unter anderem ein Nähcenter für Witwen und andere sehr arme Frauen. Die Arbeiten sind zwar naiv, aber sehr kunstvoll. Der leitende Father, ein Bangladeshi, hat gleich versucht, mich als neuen Mitarbeiter zu koedern, und die Arbeit wäre von den Begleitumständen sicher angenehmer (Diagnostik, kein Lärm und Smog), aber ich kann dich beruhigen, wir ziehen nicht nach Südbengalen um. Abends haben wir dann ohne Ohrstöpsel, begleitet vom Frosch- und Insektenkonzert, ruhig schlafen koennen - allerdings auf einer Matratze, die in ihrem vorherigen Leben sicher mal ein Baum war. Der Ausflug in die Sundarbans, ein riesiges Mangroven- und Dschungelgebiet, fiel dann wegen Dauerregen ins Wasser, aber mit einem Führer aus der Mission haben wir uns dann das Landleben der umliegenden Dörfer angeschaut. Nach einem kleinen Mittagsmal und einer Spende für Kost und Logis sind wir dann mit Rikscha, Fährboot und Expressbus zur Rückfahrt aufgebrochen. Der Zustand des Busses ist schwer zu beschreiben. Der Boden war zum Beispiel teilweise durch Holzplanken ersetzt. Er hätte sicher Probleme gehabt, bei uns auf dem Schrottplatz angenommen zu werden. Der Fahrer hat sich dann wohl gedacht, dass er lieber etwas schneller fährt, bevor der Bus noch vor dem Ziel zusammenbricht. Die Stunde Fahrt hat dann 40 Cent gekostet. In Khulna, einer beim Durchfahren eher hässlichen Stadt, ging es dann mit Rikscha zum Biman-Office, von wo ein Coach-Bus für unverschämte ein Euro fünfzig eineinhalb Stunden nach Jessore (Joschor) fuhr. Im Preis war eine frostige Klimaanlage enthalten, der ich dann meine Erkältung zu verdanken habe. Nach dem Betelnusskauen ist dann auch dieser Fahrer etwas mutiger geworden und hat in einer eigentlich sehr schönen, engen Allee wohl vergessen, das in Bangladesh Linksverkehr ist. Aber da er der stärkste war, mussten eh alle anderen bremsen. Also langweilig ist Reisen hier nie! Das letzte Stück ging es dann ganz zivilisiert mit dem Flieger nach Dhaka, 25 min fuer 25 Euro incl. Kuchen und Kakao. Statt der üblichen 4 Stunden hatten wir kaum eine halbe Verspätung, und waren abends um sechs glücklich zurück im Moloch.
Freitag, 09. August 2002
Bei der Arbeit ist vieles Routine. Die vielen Kinder sind meist recht witzig, in einigen Fällen aber auch sehr traurig. Unser Rekordhalter hatte als Vierjähriger 5700 g Lebendgewicht. Als er zu uns kam, war er schon im Krankenhaus gewesen, wohin wir ihn wieder zurückverfrachtet haben. Hier spielen nicht nur Armut, sondern zum Teil auch Vernachlässigung eine Rolle, wenn Vater und Mutter 15 Stunden arbeiten, füttert das Kind keiner. Manchmal wird ein Kind auch zum Betteln gebraucht, und da darf es natürlich auch nicht zu gut aussehen. Wie bei uns, sind die Mütter mit den Bettelkindern auch hier organisiert und werden erpresst, einen guten Teil der Erlöse abzugeben.
Meine erste richtige Hütten-OP habe ich auch erfolgreich beendet. Bei einem dürren Zehnjährigen habe ich unter Ketanest und Diazepam einen riesigen Oberschenkelabszess ausgeräumt. Der war zwar schon fast offen, aber der Kleine randalierte schon vorher vor Schmerzen so, dass ich ihn sedieren musste. Da das Dach gerade abgedichtet war, hat es auch nicht auf die Liege getropft. Sharu, unsere Apothekenfrau, sollte den Puls überwachen, hat ihn aber nicht gefunden, so dass ich das Stethoskop in den Ohren hatte, sie es aufs Herz hielt, und ich am Brustkorb dank fehlender Fettschicht die Atmung beobachtete. Das Ganze war aber dank Ketanest nur halb so dramatisch wie es sich anhört, obwohl ich das sicher nicht zur Gewohnheit werden lassen möchte. Gestern ist er dann grinsend zur Wundkontrolle gekommen und die Mutter erzählte, er habe etwa 24 Stunden quasi durchgepennt. Aber ansonsten arbeiten wir eher zivilisiert und undramatisch. Die wichtigste Medizin wäre aber eine gegen die Lebensumstände, und da wir die nicht haben, bleiben oft nur symptomatische Therapien für whole-body-pain und Depressionen.
Die Freizeit besteht oft aus Lesen und Gesprächen. Wir haben uns jetzt auch entschieden, etwas für die Psyche zu tun und uns Apfelsaft, Tonicwater und Peanut-Butter in einem importorientierten Laden der "besseren" Gegend Dhakas gekauft. Zum Frühstück gab es heute German-Bread, ein richtiges Roggenvollkornbrot, das Pfund für 80 Cent, was für hier natürlich sehr viel ist. Es gab das in einem kleinen Laden an der Augenklinik! Aber hier wundert einen nichts mehr.
Nachdem der Klempner drei zum Teil recht amüsante Versuche gemacht hatte, den See in unserer Toilette zu bekämpfen, habe ich die Spülung mit unserem Tchibo-Werkzeug selber repariert. Unsere Renovierungserfahrung zahlt sich aus!
Dienstag, 13. August 2002
Hier hat nach einer eher ruhigen Woche mit etwas Sonne und phasenweise blauem Himmel wieder heftig der Monsun eingesetzt. Heute haben wir bei strömendem Regen die mittlerweile wackelige und seeehr glitschige Bambusbrücke in Manda überqueren dürfen- mit gurgelndem schwarzgrünen Wasser unter uns, zwar nicht tief, aber sicher giftig - zumindest für Europäer. Insgesamt sinken die Wasserspiegel aber eher.
In unserem Badezimmerfenster nistet übrigens ein Spatz (zwischen Betonlochblende und Moskitonetz), so dass man fast Tierfilme drehen könnte. Ansonsten besteht unser Zoo aus Geckos und Kakerlaken, die der Grund sind, dass ich immer Sandalen trage, denn mit bloßen Füssen möchte ich sie doch nicht zertreten. Aber Rabea (der "gute Geist" der Wohnung) hat wohl was gegen die Viecher gemacht, jedenfalls habe ich lange keine mehr gesehen - oder meine Jagderfolge haben sich rumgesprochen. Heute hat Rabea meinen Wecker zerdeppert und war völlig fertig, sie hat wahrscheinlich gedacht, er wäre sehr wertvoll (hat ca. 15 Mark gekostet). Auch so würde er ein Viertel Ihres Monatseinkommens kosten! Aber nach der Toilettenspülung habe ich jetzt auch den Wecker wieder zusammengebaut. Zur Belohnung gibt´s bald wieder Pfannkuchen.
An das Klima habe ich mich gut gewöhnt, ich schlafe jetzt auch trotz Lärm ohne Ohrstöpsel, obwohl ich morgens doch müder bin, wahrscheinlich ist der Schlaf doch noch unruhig. Die Schweißproduktion stellt sich langsam um und ich kriege immer mehr Hunger. Nachdem erst drei Kilo weg waren, habe ich wieder ein halbes zugelegt, und wenn das so weitergehen sollte... aber wir fahren ja am Wochenende weg, vielleicht bringen wir wieder Durchmarsch mit.
Freitag, 16. August 2002
Heute will ich mal über das Verkehrschaos berichten. Das Wort allein ist viel zu schwach. Im Allgemeinen bewegt man sich im Schritttempo, denn der Hindernisse gibt es gar viele. Die Schlaglöcher sind zum Teil meterlang und erstrecken sich in verschiedenen Tiefen über mehrer Fahrspuren. Bahnübergänge sind so ausgefahren, dass es z. B. einem Cabrio das halbe Auto abfräsen würde. Außerdem sind die meisten Gullydeckel zerbrochen oder zum Einschmelzen geklaut worden. Mittelinseln tauchen abrupt auf, so dass alles bremst und sich dazwischen quetscht. Zum Teil liegen kopfgroße Steinbrocken aus diesen Mauern auf der Straße.
Die Rikschas (ca. 600.000!) fahren, wo und wie sie wollen (und können). Wenn der Kunde in die andere Richtung will, wird halt auf der sechsspurigen Straße gewendet und alle anderen müssen anhalten. Manchmal blockieren Rikschas in Dreierreihen die ganze Straße, bis sie dann mit einem Hupkonzert verscheucht werden. Man hupt und klingelt hier, um zu überholen, um andere am Überholen zu hindern, um Fahrgäste auf sich aufmerksam zu machen, um andere zu beschimpfen, zu vertreiben und zu grüßen oder auch nur mal so. Die Ampeln funktionieren alle nicht, und wenn doch mal eine funktioniert, weiß keiner, was das zu bedeuten hat. Die Polizei, die überall an den Kreuzungen steht, regelt den Verkehr, indem sie dem Chaos gelassen zusieht.
Am gefährlichsten sind die Baby-Taxis und die Busse. Erstere drängen sich in jede noch so kleine Lücke mit der Antrittsgeschwindigkeit eines Motorrades und sind daher unberechenbar; letztere befinden sich in allen Stadien des Verfalls, sind im allgemeinen überfüllt und rasen, was das Zeug hält, wenn nur 20 Meter Straße mal frei sind. Mit dem Recht des Stärkeren (nur streitig gemacht durch die Benzinlaster) fahren sie, wo und wie sie wollen, und um besser wieder los zu kommen, halten sie auch in der Straßenmitte, um Gäste ein- und aussteigen zu lassen.
Die 5 Zentimeter, die nicht blockiert sind, bleiben dann für Fußgänger, die jedesmal, wenn sie eine Straße überquert haben, eigentlich Geburtstag feiern könnten. Die ungewöhnlichsten Verkehrsteilnehmer sind wohl die "Handlastwagen". Über einer Achse mit alten LKW-Rädern ist ein trapezförmiges Bambusgestell montiert. Hierauf befinden sich dann Steine, Möbel, Reissäcke usw. usf., oft mehr als eine Tonne Gewicht. Dann spannt sich ein Mann vorne zwischen die Bambusstangen und ein bis drei andere schieben von hinten und auf geht´s auf die Straße. Schritttempo ist dann das Maß der Dinge für den Rest des Verkehrs, vor allem, wenn der Regen nur eine Fahrspur übrig gelassen hat. Diese Karren sahen nach Erfindung des Rades wohl kaum anders aus und sind wohl schon im alten Rom - wenn auch ohne Gummireifen - geschoben worden. So wahnsinnig wie sich das anhört, ist es auch und trotzdem passiert erstaunlich wenig, wohl wegen der geringen Durchschnittsgeschwindigkeit und weil niemand wie bei uns auf "sein Recht" besteht.
Montag, 19. August 2002
Im Slumgebiet Killgoan II scheint es immer dann einen Wolkenbruch zu geben, wenn wir da arbeiten. Allerdings tropft es zur Zeit nur noch an einer Stelle durchs Dach. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass wir weitaus weniger mit Überflutungen kämpfen müssen als die Sachsen. Im Goetheinstitut läuft zur Zeit eine Kubrick-Reihe und wahrscheinlich gucken wir morgen "A clockwork orange". Sonst haben wir die Woche außer der ständigen Mittwochseinladung im Notre Dame College nicht viel vor. Eventuell gibt´s Donnerstag wieder einen halben Streiktag und wenn es ganz dick kommt auch am Sonntag, das wäre dann ziemlich nervig, da die Freizeitaktivitäten dann doch sehr beschränkt sind.
Aber du wartest sicher auf neue Berichte zu unserem Wochenende in Srimongal. Los ging´s am Donnerstag schon, da mal wieder Hartal war und wir eh nicht arbeiten konnten, hatten wir einen Extratag frei. Wir hatten Karten fuer ein Zwischending zwischen erster und zweiter Klasse. Es stellte sich als eine Art Großraumwagen heraus, sogar mit verstellbaren Rückenlehnen. Allerdings scheint die Eisenbahngesellschaft zu befürchten, dass eine Reinigung der Sitze diese beschädigen könnte, aber man gibt hier eh schnell auf, sich darüber Gedanken zu machen, was gerade wo herumkrabbelt. Nach ca. einer Stunde waren wir aus dem Gröbsten - sprich Dhaka - heraus und die Landschaft wurde immer grüner bzw. wässriger. Teilweise war der Bahndamm das einzige, was außer den Bäumen aus dem Wasser herausguckte. Ansonsten Reisfelder wohin das Auge schaute. Interessant ist, dass wohl eine Art permanenter Anbaukultur betrieben wird, denn man sieht vom Pflügen (mit riesigen grauen Büffeln oder je nach Vermögen dürren Ochsen) über das Anpflanzen bis zum Ernten alles auf engstem Raum zur gleichen Zeit. Das Grün von frischen Reisfeldern ist beinah unwirklich, so leuchtet es in der Sonne, fast schon fluorezierend. Nach ungefähr der halben Strecke erreichten wir dann einen Knotenpunkt, an dem die Lok auf die andere Zugseite gestellt wird. Dies nutzte eine Karawane von Händlern und Bettlern, die Fenster - und besonders natürlich unseres - lautstark zu belagern. Bananen, Kokos- oder Erdnüsse, harte Eier, Snacks, Wasser, Cola, Holzäpfel (ich weiß nicht, wie die Dinger auf deutsch heißen, aber das gibt einen guten Eindruck vom Geschmack) usw. usf. - noch interessanter waren die Verkaufer, wie du sicher noch aus Indien weißt. Die Bettlerkarawane ist hier besonders gut trainiert, vor allem die Kinder sind extrem hartnäckig, aber auch die Bangladeshis im Zug gaben ganz gezielt höchstens an Behinderte und Alte, die keine Chance auf einen Job (mehr) haben. Am Ziel das wir nach 5,5 Stunden recht pünktlich erreichten, wollten wir dann die Rückfahrkarten kaufen. Nach einer ganzen Weile waren wir am Schalter, um zu erfahren, dass es die Karten, die wir wollten drinnen in der Station gäbe. Dort war nichts zu finden, bis wir jemanden trafen, der leidlich Englisch sprach und uns dann von hinten an den gleichen Schalter führte, wo der selbe Beamte dann die Karten verkaufte, allerdings nur erste Klasse, die anderen gab es angeblich nicht mehr. Am Abreisetag haben wir dann einen Bangladesh getroffen, der zwei Tage später die zweite Klasse noch bekommen hat - seltsam, vor allem da es sich bei einem Mehrpreis von einem Euro (4 statt 3 fuer 5 Stunden Bahnfahrt) kaum gelohnt haben dürfte, uns Unsinn zu erzählen. Die erste Klasse hat sich dann im Nachhinein als ziemlich verrottet, unbequem umd etwa zwei Klassen schlechter als die zweite herausgestellt, was die Rückfahrt etwas nervig machte.
In Srimongal sind wir dann schnell per Rikscha zu den Fathers der Holy Cross Mission gekommen. Das Gelände in einer Seitenstrasse war recht groß und ruhig, es umfasst neben dem Hauptgebäude die Internatsschlafsäle der Highschoolkinder, eine im Bau befindliche Kirche, Unterkunft für Patienten, die hier semi-stationär behandelt werden, eine Nähwerkstatt usw.. Father Frank erwartete uns bereits mit Mittagessen, ansonsten haben wir von ihm wenig gesehen, da er viel zu tun hatte. Uns mit grosser Mühe herumgeführt hat Father Joe Lehane. Er ist 79 und hat noch eine erstaunliche Energie.
Per Landrover ging es also los in die Umgebung von Srimongal. Teeplantagen wechselten mit kleinen Dörfern, Ananaspflanzungen und kleinen Stücken Regenwald ab. Zuerst haben wir das regionale Leprakrankenhaus besucht. Bei 3000 Faellen p.a. werden nur schwerere aufgenommen, wie der Mann dessen Bein in der Nacht Feuer gefangen hatte und der es wegen der Lepra nicht bemerkt hat. Die anderen werden vor Ort von Healthworkern versorgt. Zudem wird viel Mühe auf Rehabilitation - es gibt sogar Ergotherapie, eine Art Fango u.ä. - und Information der Bevölkerung gelegt, um die Stigmatisierung der Patienten zu durchbrechen. Es war interessant, mit welch geringen Mitteln hier gute Medizin gemacht wird.
Dann ging es weiter zu einer Teeplantage und da Father Lehane seit über vierzig Jahren hier wirkt, konnte er mal eben eine Besichtigung der Fabrik mit dem Manager organisieren. Jetzt weiß ich endlich, wie der Tee in den Beutel kommt! In einem Urwaldstück auf der Weiterfahrt haben wir dann noch eine ganze Horde Affen aufgescheucht. Der schönste Teil dieses ereignisreichen Tags war aber sicherlich der Besuch eines Kashi-Dorfs bei Sonnenuntergang. Im Halbdunkel ging es über ausgewaschene Lehmpfade an kleine Bambushütten und etwas größeren Lehm- und Ziegelhaeusern vorbei bis zur Anhöhe, wo sich die Schule, die gleichzeitig auch die Dorfkirche ist, befand. Unter der Kirchenbank haben wir dann einen dicken Frosch aufgescheucht. Über Dschungel und Dorf haben wir dann einen herrlichen Sonnenuntergang gehabt. Auf dem Rückweg brannten dann in oder vor den Häusen kleine Öllämpchen oder Kerzen und das ganze kam einem fast wie eine Szene aus dem Mittelalter oder aus biblischen Zeiten vor. Ich habe versucht, diese Bilder aufzusaugen, so dass ich fast über die eigenen Füße gestolpert wäre. Trotz des sicher harten Lebens, fallen einem da nur Begriffe wie idyllisch oder romantisch ein. Die Leute waren unheimlich nett und haben uns kaum gehen lassen. Wir waren genauso spannend für sie wie sie für uns.
Nach einer ruhigen Nacht hatte Father Lehane schon wieder neue Pläne mit uns. Erst hat er uns das Gelände gezeigt. Nach dem Wolfgang sein Interesse an der Musik der verschiedenen Volksstämme geäußert hatte, haben dann alle Klassen erst mal für uns singen müssen, hatten aber offensichtlich viel Spass dabei und versuchten sich gegenseitig zu übertönen. Als geehrte Gäste haben wir dann immer noch ein paar Blümchen überreicht bekommen, so dass wir zum Schluss eine ganzen Strauß zusammenhatten. Das schüchterne Gegibbel der Mädchen, die die Blumen überreichten, war echt süß.
Wir haben dann am Nachmittag ein Krankenhaus in der Teeplantage besucht. Quasi jede Plantage bietet als Sozialleistung den Arbeiterfamilien ein Krankenhaus und eine Grundschule auf dem Gelände an. Weiterführende Schulen gibt es aber nicht, weshalb die Kinder zum Beispiel in Srimongal bei den Fathers wohnen müssen, um weiter zur Schule gehen zu können. Das Krankenhaus war für hiesige Verhältnisse sehr grosszügig angelegt und picobello sauber. Zwei Kollegen sind vor Ort und machen bis auf größere OPs quasi alles alleine. Der OP besteht allerdings aus nicht viel mehr als einer Liege, Waschplatz und Instrumententisch. Interessante Präparate bewahrte der Kollege dann in Spiritus auf! Eine weiter Aufgabe der von der Teefirma abhängigen Kollegen ist neben Prävention (Impfungen, Moskitonetzvertrieb u.a.) die Geburtenkontrolle. In einigen Plantagen geht es so weit, dass die Familie, wenn sich die Frau nach dem zweiten Kind nicht sterilisieren lässt, die Arbeit verliert. Die Zahl der Eingriffe bei Männern betrug natürlich null. Es versteht sich, dass der katholische Pater nicht gerade begeistert ist.
Im Labor hat sich der Laborant, der alles ohne eine einzige Maschine erledigt, es sich nicht nehmen lassen, uns Malariaausstriche zu demonstrieren.
Weiter ging es in ein Garo-Dorf. Die Garo sind ehemalige Kopfjäger, die zu uns aber sehr freundlich waren. Schwupps standen drei Stühle auf dem Dorfplatz und wieder wurde gesungen und gegenseitig bestaunt. Die Gesichter der Einheimischen erinnern schon eher an Südostasien oder China.Auf dem Rückweg haben wir noch bei einem britischen Ingenieur halt gemacht, der mit an einem Teil des Trans-Asien-Highways in der Gegend arbeitet. Neben einer interessanten Unterhaltung gab es Fosters-Bier, ein seltener Höhepunkt der Getränkeauswahl.
Samstagmorgen sind wir mit dem älteren Landrover aufgebrochen, um ein weiteres Stammesdorf zu besuchen. Father Lehane hat eine etwas verwirrende Story zum Besten gegeben, wie sie aus zwei Landis einen gemacht haben und prompt ist die Karre unterwegs verreckt.
Wir haben es gerade noch zum Bungalow des Managers einer Teeplantage geschafft, den - oh Wunder - der Pater natürlich gut kannte und der sich über den überraschenden Besuch morgens tatsächlich gefreut hat. Da habe ich dann das reiche Bangladesh gesehen. Auf einem grünen Hügel, mit weitem Blick über Fluß und Teeplantagen, inmitten eines super gepflegten Gartens englischen Stils thronte Faruk in einem Bungalow mit feinsten Tropenholzapplikationen und -moebeln. Es gehört zwar nicht ihm, sondern der Firma und ist zum Teil etwas angegraut (kein Wunder in einer der feuchtesten Gegenden der Welt), aber es wäre schon in Deutschland beeindruckend, erst recht hier in Bangladesh. Nach Tee (natürlich der eigene) und Keksen ist dann der Mechaniker gekommen und hat uns wieder flottgekriegt, aber nur zurück zum Mittagessen. Da Father Frank den anderen Wagen für Gemeindebesuche brauchte, haben wir uns im Tourist-Office (eigentlich ein Schneider mit Ambitionen, dessen erste Frage war, ob wir denn auch den lonely planet hätten, in dem er drinstünde) Fahrräder geliehen. Er hat uns versichert, dass er eigentlich viel bessere hätte, die aber alle verliehen seien. Naja, schlechtere kann er auch kaum noch haben. Meins hatte nur vorne Bremsen, einen zerschlissenen Sattel und ein frommes Vorderrad - man musste beten, dass das Lager bis zurück hält.
Trotzdem, als wir erst aus dem Stadtverkehr heraus waren (die Tragweite dieser Worte wirst du erst ermessen koennen, wenn du den Verkehr hier gesehen hast) hatten wir eine zwar anstrengende, aber sehr schöne Fahrt durch Felder und Teeplantagen bis zu einem Naturpark. Diese Tour war ein guter Abschluss eines ereignisreichen Wochenendes. Über die Fahrt zurück habe ich ja schon berichtet und um 23 Uhr gab´s dann die verdiente Dusche und eine leckere Hühnersuppe.
Freitag, 23. August 2002
Gestern Abend waren wir im Kino. Im Goethe Institut läuft zur Zeit eine Kubrick-Reihe, und da "Clockwork Orange" wegen einer kurzen Durchfallepisode ausgefallen war, haben wir uns gestern "Eyes wide shut" mit Cruise und Kidman angeschaut. Wie steht es doch im Lonely planet: Half the fun is getting there. Wir haben uns also einen Rikschafahrer gekapert, der uns durch alle möglichen Schlaglöcher und Staus in 45 Minuten nach Danmondi brachte. Dafür wollte er 30 Taka (= 1 Mark) und war ganz erstaunt, dass wir ihn nicht runtergehandelt haben.
Unterwegs begann es dann zu dämmern und aus einem der wenigen Parks flogen in Scharen grosse Fledermäuse über uns hinweg. Schon ein seltsamer Anblick. Als dann nach dem Kino noch hinter dünnen Wolkenschleiern der Vollmond hervortrat, haben wir erst mal nach Vampiren Ausschau gehalten. Der Film war eher seltsam, aber als erstes kulturelles Ereignis westlicher Prägung nach fast 7 Wochen trotz der schlechten Bildqualität ok. Nur die Klimaanlage stand wieder auf Schockfrosten.
Freitag, 30. August 2002
Heute waren wir zur Einführung des neuen Kollegen im Lalbagh Fort und ich habe es endlich geschafft, obwohl der Rikschafahrer wieder den Weg nicht kannte, die Armenische Kirche zu finden. Sie ist eigentlich nicht sehr eindrucksvoll, wirkt aber durch die Ruhe und die alten Gräber doch beeindruckend, wenn man erst mal länger in Dhaka ist.
Der Küster, Herr Martin, ein sehr netter Armenier, hat uns dann noch einiges über die armenische Kirche erzählt. Sie gilt als älteste christliche Kirche und sieht sich als Basis aller anderen. In Eriwan steht eine Kirche, die im Jahr 301 erbaut wurde! Selbst der Papst war zur 1700 Jahrfeier. Hier ist die Gemeinde nur noch winzig und die Gottesdienste werden ökumenisch gehalten, wohl damit es mal voller wird. Aber man hört hier von vielen, dass die Christen in Bangladesh unter Druck stehen und politisch und wirtschaftlich sowie in der Karriere des einzelnen an den Rand gedrängt werden.
Bei den Fahrten mit den Kollegen, die schon in Kalkutta waren, ist es interessant, die Vergleiche zu hören. Kulturell scheint es, dass Kalkutta Metropole und Dhaka Provinz ist. Auch von der Bausubstanz muss K. einiges mehr zu bieten haben und auch der Verkehr ist nicht ganz so chaotisch. Andererseits ist die Projektwohnung dort wohl noch lauter - konnte ich mir gar nicht vorstellen, erst als ich hörte, das der Lautsprecher des Muezzins und die Wasserpumpe direkt am Gebäude sind. Peter wunderte sich über die freien Bürgersteige hier, die seien in K. alle bewohnt. Aber auch hier siehst du natürlich Leute, die auf der Strasse schlafen, ganze Familien sitzen unter einer aufgespannten Plastikplane in irgend einer Ecke, aber am unglaublichsten sind sicher die, die mitten im Verkehrschaos auf der oft nur kaum 50 cm breiten Mittelinsel liegen. Es ist mir nicht möglich, mir so ein Leben auch nur im Ansatz vorzustellen, selbst wenn du es von außen ja siehst.
Montag, 2. September 2002
Um dem neuen Kollegen einen Eindruck von Dhaka zu geben, sind wir am Wochenende mal kreuz und quer durch die Stadt gelaufen und gefahren. Langsam kennen die uns am Hafen schon, denn gleich stürzten sich mehrere, darunter sogar ein kleiner Junge, auf uns, um uns durch den Hafen zu rudern. Zugleich scheint die Inflationsrate bei Touristen gewaltig zu sein, statt 30 Taka sollten es jetzt gleich 100 sein. Dafür war es auch ein Segelboot und trotz des großen Betriebs eine ruhige und luftige Art, etwas von Dhaka zu sehen. Am Samstag wollten wir dann zu einem Park laufen und da der Dirk ja schon sooo lange hier ist, hat er natürlich eine Abkürzung genommen und ist am falschen Park rausgekommen. Das hat sich aber sehr gelohnt, da wir in eine große Prozession zur Feier des Geburtstages von Krischna geraten sind. Bemalte Elefanten zogen neben fast europäisch anmutenden Blaskapellen, bunt geschmückte Lastwagen waren vollgepfropft mit singenden oder Blödsinn machenden Menschen und dazwischen waren immer wieder "lebende Götterbilder" zu bewundern, farbenfroh ausstaffierte Mädchen als Göttinnen und wild aussehende halbnackte dicke Männer mit zotteligen Haaren und Bärten, grellbunt als Dämonen geschminkt. Dazu lauter fein angezogene und mit Schmuck behängte Inder und als besondere Attraktion zwei Touris - nämlich wir. Nach mehrmaliger Aufforderung wären wir fast auf diversen Festwagen mitgefahren, aber das war dann doch zu eng und da es langsam dunkel wurde, sind wir dann doch zurückgelaufen. Dabei sind wir dann noch an einem improvisierten Hindutempel im Park vorbeigekommen und wurden gleich wieder eingeladen, uns doch alles anzusehen (und sicherlich später mit einem großzügigen Bakscheesch den Tempelneubau zu unterstützen). Nachdem wir dann die Geschichte des 500 Jahre alten Tempels, dessen Zerstörung durch pakistanische Truppen und Bangladeschi Moslems und des Neubaus genauestens kennen gelernt hatten, haben wir unseren "Hindutag" im moslemischen Bangladesh mit einer Rikschafahrt nach Hause beendet, deutlich später als geplant. Und weil man so was ja alle Tage erlebt, hatte ich glücklicherweise den Fotoapparat in der Wohnung gelassen :-(. Na egal, wir werden ja wahrscheinlich eh mehr Bilder machen, als wir jemals gucken können.
Medizinisch gab es heute mal wieder einen Schock in der cough and cold - Routine. Ein kleines Mädchen hatte an der Bahnlinie gespielt. Das ist hier nichts besonderes, teilweise stehen die Verkaufsstände auf den Gleisen und werden nur eingesammelt, wenn mal ein Zug kommt. Als dieser kam, hat er dem Kleinkind dann eine Hand ganz und die andere teilweise abgequetscht sowie deren Haut gleich mitgenommen. Nach der Erstbehandlung im Krankenhaus wurde der Mutter dann bedeutet, das die Verbandswechsel ambulant zu machen seien. We will try our best. Wenn wir eine saubere Granulation hinkriegen, wächst da irgendwann wohl Haut drüber. Peter will nach der Rückkunft seine Kontakte spielen lassen, um eine wiederherstellende Chirurgie zu ermöglichen. Der Anblick der Stümpfe war jedenfalls schwer zu ertragen. Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, ist - Überleben vorausgesetzt- eine weitere Bettlerkarriere sicher.
Tja, die Kontraste zwischen den letzten beiden Abschnitten dieser Mail sind extrem, aber es nützt ja keinem, den Kopf in den Sand zu stecken oder den Blick abzuwenden. Und wenn wir nicht hier wären, wäre keiner hier. Das ist überraschend schwer zu realisieren, selbst hier vor Ort, wenn der 20ste hintereinander mit einer Erkältung kommt, und man muss es sich auch immer wieder selber sagen, wenn man sich nach dem Sinn des ganzen fragt oder von außen gefragt wird.
Montag, 9. September 2002
Hier kommt der versprochene Wochenendbericht. Am Freitag morgen um 7.40 Uhr sollte es mit dem Zug nach Chittagong gehen. Gegen 5.50 Uhr haben mich dann ein paar stürmische Böen aus dem Schlaf und offensichtlich auch eine Leitung aus der Verankerung gerissen, denn kurz darauf war der Strom weg. Wenn Du hier die Verkabelung in den Strassen siehst, ist es eh ein Rätsel, wie wir überhaupt mit so wenigen Stromausfällen über die Runden kommen. Gerade ist im Nachbarort eine Starkstromleitung herunter auf ein paar Leute gefallen - so mir nichts dir nichts- und hat 10 Menschen getötet.
Naja, es hat dann natürlich angefangen zu schütten, aber als wir los mussten, war es eher nur noch ein westfälischer Landregen, so dass wir einigermaßen trocken im Zug saßen. Dort kam dann mit der steigenden Sonne das nächste Malheur ans Licht - Rabia hatte mal eben ihren roten Überwurf mit meiner hellen Hose gewaschen - war ja nur meine beste Treckinghose. Das eine Bein hat jetzt einen eher künstlerischen Aspekt. Eh schon stinksauer habe ich dann entdeckt, dass der Verschluss an der Autan-Flasche aufgegeben hatte und der Inhalt sich im Rucksack und den Sachen fürs Wochenende verteilt hatte. Meine Kekse hatten den Rest dann aufgesaugt. Wie die Idioten drauf kommen, den alten Schraubverschluss durch so einen Klippverschluss zu ersetzen, wo doch alle Welt das Zeug mit in den Urlaub nimmt, ist ein weiteres Rätsel. Und wenn einem die Sch... schon am Schuh klebt gerät auch noch das am Rucksack hängende Reisethermometer in den Zugventilator und verabschiedet sich mit einem Dreckregen auf das Hemd ins Nirwana. Wenn ich alleine gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich ausgestiegen, nach Hause gefahren und hätte mich ins Bett gelegt. (Und wäre dann wahrscheinlich rausgefallen.) So ging es weiter mit bester Laune nach Chittagong wo wir nach 7 1/4 h mit nur 1 h Verspätung ankamen. Das Center da ist gut eingerichtet und die Kollegen haben viel mehr Möglichkeiten als wir, Diagnostik zu machen. Auch der Wohnbereich ist schön mit einem netten Balkon und viel Licht. Ein Bad hat sogar warmes Wasser. Die Kolleginnen waren sehr nett und sind zusammengezogen, so dass wir dort übernachten konnten. Nachdem sie mit der Arbeit fertig waren haben wir dann mal ausgiebig gequasselt und sind abends Essen gegangen und durch Ch. gestrolcht.
Nach Mango-Eis und Sweets auf dem Balkon endete der Tag dann deutlich besser als er angefangen hatte. Ruth fährt leider schon bald nach Hause, aber Anne wird uns wohl besuchen kommen. Sie hat dann noch tolle Pläne. Mit einer Münchener Organisation besucht sie abgelegene Klöster im Everest-Gebiet in Nepal, um dort die medizinische Versorgung zu verbessern. Da hätte ich große Lust, mitzugehen, wo auch der Kollege gerade abgesprungen ist, aber vom Zeitplan ist das nicht zu schaffen und wäre sicher so kurzfristig auch kaum realisierbar.
Am anderen Tag sind wir dann mit dem dortigen Koordinator zu den berüchtigten Shipwreck Yards gefahren. Ca. eine Stunde außerhalb von Chittagong liegen alte Ozeanschiffe, meist Tanker, am oder auf dem Strand und werden mit primitivsten Mitteln auseinandergehackt. Schon Kilometer vorher siehst du am Straßenrand einen gigantischen Schrottmarkt, wo aber auch alles, was sich zu Geld machen lässt aus den Pötten verkauft wird - von Rettungsbooten und -ringen über Kabel, Anker, Toilettenschüsseln, Tauchglocken usw. usf.. Ganze Großküchen stehen am Straßenrand. In einen Laden sind wir mal reingegangen - hier wurden die Messingteile verkauft. Schöne große Instrumente und Lampen, Schiffsglocken, Sextanten... es war nur schwierig zu erkennen, ob auch nachgemachte Sachen darunter waren und daher habe ich mir dann doch kein Fernrohr gekauft. Für die anderen Sachen fehlte die Transportkapazität.
Auf das erste Gelände hat uns ein Wachmann dann nicht draufgelassen (Angst vor Journalisten?), aber beim zweiten Versuch hatten wir dann Glück. Die Szenerie ist kaum zu beschreiben, wie eine Endzeitvision a la Waterworld oder Mad Max. Schiffe und Schiffsteile, in allen Größen und Stadien der Zerstörung, dazwischen schwarz verschmierte Menschen, die jüngsten vielleicht 10 oder 12, die mit Vorschlaghämmern, Schweißbrennern, Seilwinden und reiner Muskelkraft die Metallteile auseinander rissen. Das Wort Schutzausrüstung hat wahrscheinlich hier keine Übersetzung und der Schwermetallgehalt des dicken schwarzen Schlamms könnte den einiger natürlicher Lagerstätten wohl übertreffen. 12 - 15 Jungs schwankten rhythmisch mit Gesangsunterstützung unter schweren Eisenplatten und versuchten, diese auf Lastwagen zu stapeln. Wenn da mal einer aus dem Takt kommt, sind ein paar Beine oder mehr Mus. Wenigstens haben sie dann mal Spaß gehabt, als sie uns da lang stapfen sahen und natürlich wollten alle mit großem Geschrei aufs Foto. Ich schicke die Adresse mit dem Film mit, vielleicht kann dein Vater ja einige bessere Abzüge hinschicken. Hoffentlich leben dann noch alle, die da drauf sind. Ich glaube nicht, dass das durchschnittliche Überlebensalter hier 30 Jahre beträgt. Der Lohn dürfte so bei 2 Euro am Tag (die jüngeren kriegen weniger) liegen. So relativiert sich doch der "Ärger" vom Reisebeginn ins lächerliche.
Zurück hatten wir dann gerade noch Zeit für Mittag und Dusche und sind dann wieder 7,5 Stunden zurückgerattert. Der Lärmpegel ist schon erstaunlich hoch, da wegen der Wärme die Fenster besser offen bleiben. Durch den Fahrtwind gibt eine Konjunktivitis (Bindehautentzündung) gratis und als wir abends am Wasser lang fuhren hat der Zug eine Milliarde Insekten aufgesaugt. Diese wieder loszuwerden hat dann über eine Stunde gedauert. Wieder daheim mit der guten Suppe und Pfannkuchen von Rabia war das fast schon wie zuhause. Das kommende Wochenende wird sich erst mal hier erholt!
Mittwoch, 11. September 2002
Gerade habe ich eine halbe Stunde, bevor wir zu den Notre Dame Fathers gehen und da muss ich dir doch von einem Experiment mit noch unbekanntem Ausgang berichten. Nachdem wir heute in Killgoan I die üblichen 90 - 100 Patienten hatten, war in Killgoan II überraschend nichts los. Nachdem mich dort eine junge Frau bzw. ihr kleiner Knirps schon zwei mal eingeladen hatte zur Hüttenbesichtigung, sehr zur Freude und zum Tratsch von Sushitra, da der Dame der Mann vor längerem weggelaufen war, hatte ich wg. Patientenmangels heute Zeit, mit dem Dreikäsehoch über die Bambusstangen zum Domizil der Familie zu balancieren. Das gab ein Hallo! Zunächst wurde eiligst das einzige Möbelstück, ein Bretterrost, dass als Bett, Tisch, Stuhl usw. dient, abgefegt (mit samt dem alten Vater, der sich gerade darauf ausruhte), und dann scheuchte die junge Dame des Hauses die Nachbarinnen auf, um ein Mittagessen zu organisieren! Mittlerweile drängelte sich die halbe Nachbarschaft an der Tür, um das Ereignis zu würdigen und auch Sushitra und Jaheeda waren nachgekommen und übersetzten nun nicht Cough and cold, sondern unsere Unterhaltung. Das Angebot, den Jungen (incl. Mutter?) mit nach Deutschland zu nehmen wurde nach Sushitras deutlichem Hinweis auf dein zu erwartendes Missfallen nicht weiter verfolgt. Dann wurde dem Vater noch eine Kur für seine Konjunktivitis empfohlen und schließlich gab es Reis, Chicken und Fisch mit einer höllisch scharfen Soße. Ob das ganze Nachwirkungen haben wird, bleibt abzuwarten. Als besondere Würze berichtete der Vater später, als er sich seine Augentropfen abholte, noch von seinen "Pinworms". Trotzdem, die beeindruckende Gastfreundschaft, wie man von Nichts noch was abgeben kann, war schon toll und es wäre mir sehr schwer gefallen, abzulehnen. Nur auf das Wasser habe ich doch verzichtet. Jetzt muss ich mir natürlich überlegen, wie ich mich beim nächsten Mal revanchieren kann.Wie das Ganze weitergeht, werde ich dann ggf. berichten.
Samstag, 21. September 2002
Die zehnte Woche war eher was zum Abhaken. Erst hatte ich eine infektiöse Konjunktivitis (Bindehautentzündung) von den Patienten geerbt. Durch den Staub und Dreck und die ewig blasenden Ventilatoren sind wohl die Abwehrkräfte überstrapaziert worden. Mit einer antibiotischen Salbe vom Kollegen (der sich dann einen Tag später sicher gewünscht hat, er hätte es für sich selbst behalten), Augentropfen und kalten Kompressen hat es doch noch 4 Tage gedauert, bis wir bei der Arbeit die Ventilatoren wieder anstellen konnten. Die Gewissensfrage mehr schwitzen oder mehr weinen hatten wir nämlich zur Schmerzreduktion mit ersterem beantwortet - zur großen "Freude" aller anderen Mitarbeiter, die dann mitleiden durften. Tja, und kaum war der Quatsch bis auf einen Restreiz (der mich auch gerade wieder nervt) vorbei, setzte der große Run auf die Toilette ein. Am Dienstag hatte Babul das Hockklo, da es niemand benutzte und es oft stank, zumauern lassen. Gar nicht abergläubisch meinte dann dein Ehegespons: "Hoffentlich kriegen wir jetzt nicht gleichzeitig Durchfall". Plumps - oder besser Platsch- war es am nächsten Morgen soweit. Allerdings hatte ich wieder einen Tag Vorsprung. Ich dachte erst, es sei das Lariam (Antimalariamittel), da ich schon drei mal Dienstag abends oder Mittwoch morgens etwas Probleme hatten. Als gegen 10.30 Uhr meine Körpertemperatur dann doch die Außentemperatur (zumindest die im Schatten) überholte und sich um 39 Grad einpendelte und offenbar meine Gesichtszüge eine gesteigerte Tiefgründigkeit erkennen ließen (leider nur der Falten) haben die mich doch glatt aus dem Untersuchungsraum rausgeschmissen und mit Eilharun nach Hause verfrachtet. Da habe ich dann gleich mal mit Antibiotika und Paracetamol die Wadenwickel unterstützt und nach den ersten 12 - 15 mal kannte ich den Weg zur Toilette recht genau. Drei Imodium am Folgetag haben dann den Rest erledigt. Peter hatte nämlich wie erwähnt auch das Vergnügen, aber kein Fieber, so dass er auch mit Imodium dann weitergearbeitet hat. Er war aber wie ich froh, dass wir nicht nach Kalkutta oder Kolkata, wie es seit einiger Zeit heißt, geflogen sind. Babul hat seine organisatorische Meisterleistung abgeliefert, indem er wenige Stunden vor Abflug die Tickets kostenfrei auf nächste Woche ändern lassen konnte. Mittlerweile geht es uns beiden wieder gut, wir saufen wie die Löcher, umden Verlust auszugleichen- natürlich Wasser.
Heute habe ich mich dann extra für deinen Geburtstag feingemacht - ich war in unserer Strasse beim Friseur. Nachdem Babul kurz meine Wünsche erläutert hatte, die allgemeine Aufregung sich gelegt hatte und der Friseur die Kinder mit ein paar Klapsen aus dem Raum getrieben hatte, konnte es losgehen. Eine umgebaute Mineralwasserflasche diente als Kopfbefeuchter und schon quietschte und klapperte die große Schere. Er hat nur die eine und die restliche Ausstattung, einige schreibunte Kämme und ein Rasiermesser, würde unseren Coiffeurmeistern die Lachtränen in die Augen treiben. Was den Service und das Ergebnis, vor allem aber den Preis angeht, würden sie allerdings richtig zu heulen anfangen, den da hat sie unser Straßen-Schnippler hier locker in den Schatten gestellt. Nach einem gekonnten Haarschnitt (nachdem ich ihm unter Mühen klargemacht habe, dass meine Haarfarbe so in Ordnung ist, sie keine Färbung darstellt und ich auch NICHT eine solche in schwarz wünsche) ging es dann zur Rasur.
Zunächst also den Klingenhalter desinfiziert, dann etwas Wasser in das Gesicht einmassiert und ausführlich eingeschäumt. Damit der geschätzte Kunde ja keinen Schaum in den Mund, sondern nur vor den selben bekommt, wurde die Oberlippe mit dem kleinen Finger mit Schaumflöckchen betupft! Naja, dann waren erst mal die Klingen alle, aber da natürlich mehrere Friseure ihre Läden nebeneinander haben (wahrscheinlich wegen der Fachgespräche) hat er sich halt eine frische ausgeborgt. Als ich dann dachte, er sei fertig mit rasieren, fing das Ganze noch mal von vorne an. Schließlich wurde das Gesicht noch mit Salbe massiert, abgewaschen, getrocknet und mit Nivea Aftershavelotion (oder dem, was sonst in der Niveaflasche war) abgeklopft. Tja, ein Babypopo ist Sandpapier dagegen, 80er Körnung. Nach einer abschließenden Gesichtskurzmassage war ich dann doch sage und schreibe 40 Taka (1 Euro = 55 Taka) schuldig. Das Bakscheesch wurde aber breit grinsend akzeptiert.
So, nun werde ich mich morgen mal ohne Haare und Durchfall wiegen und kann dir dann im Gegenzug zu den Wahlzahlen auch mit den aktuellen Werten dienen.
Gestern haben wir uns in der Academie francaise Jean Gabin in dem Jean Renoir-Film La bete humaine, den ich schon lange sehen wollte, angesehen.
Das Bild war verrutscht, ich hatte lauter Bengalenköpfe in den englische Untertiteln, dafür war die französische Sprache so leise, dass ich mich meines schlechten Französisch gar nicht schämen brauchte - die anderen haben auch nichts verstanden. War aber doch schön.
Sonntag, 29. September 2002
Am Donnerstag sind wir nach Kalkutta (oder eigentlich im Rahmen der Umbenennung neuerdings Kolkata)geflogen. Am Flughafen wollte die State Bank of India dann Peters 50 Dollar Noten nicht tauschen, die Seriennummer wäre nicht im Verzeichnis. Die Noten waren von 1996! Thomas Cook-Traveller Scheck war dann problemlos. Apropos tauschen - in Kolkata gab es ein weites Netz von Maestro-fähigen ATMs, innerhalb von einer Minute hatte ich 5000 Rupies und Quittung
Die Angestellten unseres Pensionswirts waren dann mit dem Auto zur Stelle und so ging problemlos in die City. Am Abend waren wir dann noch Shopping und anschließend im Hotel Essen. Unser Wirt hat uns dann am Folgetag fast vier Stunden selbst durch Kolkata chauffiert und uns alles gezeigt, auf was er stolz war, also das "bessere" Kolkata. Die Bauten der ehemaligen Kolonialmacht sind schon beeindruckend und in gutem Zustand, ein schwieriges Unterfangen bei dieser Luftverschmutzung und dem feuchten Klima. Man kann noch gut erkennen, das Kolkata mal ebenso wichtig wie London im Empire war. Die riesigen Brücken über den Hoogly sind auch beeindruckend, auch wenn man von der einen durch den Smog die andere kaum noch sieht. Aber das Panorama ist schon eindeutig Weltstadt. Dagegen ist Dhaka ein riesiges, schmutziges Provinznest. Kolkata dagegen war erstaunlich sauber, jedenfalls verglichen mit dem Klischee. Die U-Bahnfahrt !!!, die ich am nächsten Tag, als ich dann alleine unterwegs war, gemacht habe, war schon enttäuschend normal. Schnell, pünktlich, Wagen wie die (älteren) in Berlin, aber viel sauberer und billiger als da! Einmal halb Kolkata für 12 Cent. Natürlich sieht man auch, wenn man dann mal zu Fuß durch Südkolkata streift oder auf der Fahrt nach Howrah, Schmutz und Elendsquartiere, Rikschapuller, die wie früher chinesische Kulis barfuss bei Regen die Leute durch die Strassen ziehen (gibt´s aber nur noch recht wenige), Busse, die bei uns nicht mal zum Viehtransport genehmigt würden (auch von der reingestopften Menge an Lebewesen) usw. usf.. Auch die Straßenbahnen sind auffällig. Der Fahrer sitzt in einer Art Drahtkäfig gesperrt, das Quietschen ist ohrenbetäubend und der Zustand ist schwer zu beschreiben. Ich denke, wenn du dir den Klumpen Auto nach der Schrottpresse nimmst und ihn wieder plattwalzt wird das Blech ungefähr ähnlich aussehen. Im Kontrast dazu dann die Welt von Tomu, meinem Guide am Freitag. Das Taj Mahal Hotel oder das Oberoi Grand Hotel, das größte und angeblich bestgepflegte Kricketstadion der Welt, in das er mich reingeschmuggelt hat (der Rasen war wirklich eine Pracht aber die Ränge waren dann der klassische verpilzte Beton) oder das Viktoria Memorial sind schon sehr eindrucksvoll und haben kein vergleichbares Gegenstück in Dhaka. Auf dem Rückflug hat die Kontrolle meines Handgepäcks, glaube ich, länger gedauert als der ganzeFlug. Es wurde alles auseinandergenommen und schließlich kam man zu dem Schluss, dass mein leeres !! Benzinfeuerzeug zu gefährlich war, da der Feuerstein ja Funken machen könne (die elektronischen Geräte, die die Hälfte der Passagiere mit hatte, können das natürlich nicht). Ich dachte erst, es würde ihnen so gut gefallen, aber sie haben mir hoch und heilig versichert, es mit dem Crewgepäck zu schicken. In Dhaka hatte ich dann allerdings was besseres zu tun, als nach einem nicht funktionierendem 5 Marks-Feuerzeug zu suchen. Ich stelle mir nur die Szene vor - wild mit dem Feuerzeug fuchtelnd steht der Dirk vor dem Piloten und schreit "Alles hört auf mein Kommando oder ich mache eine Funken! " Aber das war noch nicht alles, beim Boarding haben sie das ganze Handgepäck nochmals auseinandergenommen! Der Flug war dagegen dann ereignislos. Nachdem es mir die ganze Zeit, wie auch jetzt, bombig ging, musste dann aber noch was passieren. Der Grenzbeamte war, als wir auf die Papiere warteten, recht mitteilsam und meinte unter anderem, dass, obwohl ich ja multiple Entry bis Januar habe, ich mit diesem Visum jetzt nicht noch mal einreisen könne, da der Kolkata-Trip als eine Reise zählen würde und ich damit ja beide Reisen verbraucht hätte. Die Bangla-Übersetzung von multiple heißt also wohl zwei! Jetzt darf ich hier beim Immigration Officer schön bitte bitte machen, dass er mir eine dritte Einreise freistempelt. Sonst müssen wir erst Bangladesh "zu Ende machen" und dann von Indien quasi im Transit über Dhaka nach Bangkok fliegen. Wenn ich mal zum Berserker werde, trifft es sicher einen Grenzbeamten.
Dienstag, 01. Oktober 2002
Ich war heute mit Babul im Immigration-Office. Erst hat Babul alles einem Muffelkopp am Schalter in Bengali erklaert, der dafür nur Kopfschütteln und einige undefinierbare, wohl negative Laute übrig hatte. Wir sind daher weiter zur Abteilungsleiterin. Während sie Babul mitBlicken musterte, die man sonst wohl für Kakerlaken nutzt, nahm sie mich erst gar nicht war. Babul hat dann alles in Bengali erklärt, ich dann nochmal auf Englisch. In unmöglichem Ton beschied sie uns dann, dass sie nichts tun könne, da es "government policy" sei, dass keine Verlängerung über 3 Monate hinaus möglich sei. Sie hatte also ueberhaupt nicht verstanden, worum es eigentlich ging. Weitere Erklärungsversuche beantwortete sie mit der gleichen stereotypen Aussage - und warf uns schließlich quasi raus. So etwas dummes, begriffsstutziges und unfreundliches als Leiterin einer Regierungsbehörde passt zum Bild der politischen Parteien, dass man hier bekommt. Sie hat die Position sicher durch B+B (Beziehung und Bestechung) bekommen.
Tja, für uns heißt das, dass der unselige Ausflug nach Kalkutta unsere Reisepläne etwas umwirft.Zwar kann man laut Lonely Planet in Indien problemlos ein neues Visum bekommen, aber Babul sagt, dass sich das inzwischen grundlegend geändert habe und man nur noch im Heimatland ein Visum bekomme. Außerdem hieße das, dass wir entweder nach Dehli oder Tripura müssten, da selbst im LP schon vor den Stellen in Kolkata und Kathmandu gewarnt wird. Das ist alles in allem mir zu unsicher und daher ist es wohl besser, Dhaka nach der Ausreise nur noch als Transitflughafen nach Bangkok zu nehmen. Das heißt, dass wir erst Bangladesh ansehen, dann nach Indien fahren und von Indien oder Nepal am besten über Kalkutta an dem Tag nach Dhaka fliegen, an dem wir auch weiterfliegen nach Bangkok. Damit ist es Transit und ich brauche kein Visum. Gut daran ist, dass wir durch die Verzögerung, mit der wir dann Indien erreichen, eventuell doch noch in den Kaziranga Nationalpark können, da muss ichaber erst noch einiges in den nächsten Tagen abklären.
Freitag, 04. Oktober 2002
Sabine ist da! Nachdem ich den Hangover vom Botschaftsfest am Donnerstag überwunden und in nur wenigen Stunden (ächz) meine Sachen zusammengesucht hatte und schliesslich aus meiner Dreimonatsheimat ins Hotel umgesiedelt war. Aber erstmal der Reihe nach. Meine Arbeit hier in Dhaka endete nach 12 Wochen und einem Tag - abzüglich einiger Streiktage - am 3.10. gegen 16.30 Uhr in Manda angemessen mit einem alten Hutzelweibchen,die sich für das wenige, was wir für sie tun konnten überschwänglich bedankte. Am Abend fand dann in der deutschen Botschaft das Fest zum Tag der Einheit statt. Das ich das mal feiern würde... war doch eher eine "endlich Urlaub"-Fete. Es war insgesamt ein wenig seltsam - kein Grußwort, keine Ansprache (nicht schlimm), kein Buffet (schon schlimmer), aber endlich mal wieder ein Glas Wein, oder zwei, oder drei... das hatte ich mir verdient (auch wenn der Whisky, den Babul anschleppte, eher Longdrinkformat hatte, von Qualität und Menge, was nicht unerheblich zu dem reduzierten Einpacktempo am Folgetag beitrug). Die Botschaftsleute waren echt nett und neben dem Smalltalk - welch ein Kontrast zu unseren Patienten am Nachmittag, aber das ist irgendwie typisch für Bangladesh - gab es eine eindeutige Auskunft zu Nepal - no go! Echt schade! Die Leute, die da rumliefen, waren der halbe Spass. Da war der Professor für Islam- und vergleichende Religionswissenschaften, strunkelig wie eine Haubitze. Wenn Allah das gesehen hat! Der Schauspieler und Theaterdirektor hatte wohl am intensivsten die zu seinem Stand gehörigen Klischees geprobt und verinnerlicht (Typ verlottertes Genie) und war wie alle anderen vor allem fuuurchtbar wichtig. Je später der Abend, desto eher tranken die Kellner die Getränke selber, statt sie zu servieren, was den netten Nebeneffekt hatte, unsere Versorgungssituation weiter zu verbessern, da sie gleich die ganzen Tabletts mit vielen leckeren Häppchen bei uns abstellten. Irgendwann hat uns dann Harun nach Hause geschaukelt und am nächsten Mittag durfte ich mich dann wundern, wieviel Kram sich selbst hier in drei Monaten ansammelt. Gegen 18.30 Uhr ist dann endlich Sabinchen angekommen, gesehen habe ich sie aber, obwohl ich 50 taka für das Privileg, in den Flughafen zu dürfen gezahlt hatte, wegen der üblichen Drängelei und Schubserei erst am Ausgang. Bei der Begrüßung sind dann sovielen Bengalen die Augen rausgefallen, dass sie sie wahrscheinlich jetzt noch sortieren müssen. Das Hotel war dann nach Sabines Geschmack, ausser als sie nach dem Abendessen gefragt wurde, ob sie denn auch noch über Nacht zu bleiben gedenke.
Montag, 14. Oktober 2002
Wir kämpfen mit der besch... Technik. Nachdem Dirk gestern abend den Text für die Homepage an Babuls Computer vorgeschrieben hatte - immerhin eine Stunde Arbeit - hat der Computer hier im Internet-Cafe die Diskette innerhalb von drei Sekunden zerstört, so dass wir alles nochmal neu schreiben durften. Manchmal ist alles komplizierter als vorher gedacht.
Nachdem ich Sabine zum Abschluss ihrer Aklimatisierungsphase durch Old-Dhaka gescheucht hatte - ich glaube in dem traffic jam back home haben wir mehr Abgase inhaliert als in einem Jahr auf der B1 - sind wir zur Erholung zu den Fathers of the Holy Cross nach Sremongal in die Teegärten gefahren. Ein Zehntel der Bevölkerungsdichte, aber 100 Mal grüner. Wie beim ersten Mal im August waren die Trips in die Stammesdörfer ein unvergessliches Erlebnis. Am schönsten war das Kondo-Dorf (von diesem Stamm steht noch nicht mal was im Reiseführer). Die Kinder kamen uns schon mindestens einen km weit entgegen, nur um mit viel Geschrei auch mal Landrover fahren zu können. Dann griff sich jedes einen Finger von Father Frank ( als keiner mehr uebrig war kamen unsere dran) und zogen mit uns durch das Dorf. Zwischen palmgedeckten Lehmhuetten jagten Hühner kleine Ferkel und auch sonst hätte ein Maler alle Zutaten zum Thema "ländliches Idyll im frühen 18. Jahrhundert" finden können. Die Kirche=Schule war oben auf dem Hügel und die Zwergl führten, während die Sonne über den Teeplantagen unterging, eine Varietee-Show auf! Da wurde getanzt, gesungen, gestottert und schließlig gebalgt. Zum Ausgleich mussten wir - nach einem Programm von fast einer Stunde, dass sich die Kinder unaufgefordert selbst ausgedacht hatten - als Karussel herhalten. Ich glaube ich hatte zeitweise 8-10 Knirpse gleichzeitig an den Armen hängen, bis sie beim Herumwirbeln alle runterpurzelten. Als wir dann mit Sternezählen fertig waren, kamen die Teepflückerinnen von der Arbeit nach Hause und die Messe begann. Schon recht eindrucksvoll, beleuchtet von zwei Ölfunzeln in einer kleinen Hütte mit lautem Gesang in der jeweiligen Stammessprache. Am nächsten Abend in einem Mandi-Dorf gab es sogar drei Taufen - die Szene hätte auch vor 1000 Jahren spielen können, so ursprünglich kam es uns
vor. Danach konnten wir natürlich nicht sofort gehen, zumindest bei allen Würdenträgern musste Tee getrunken werden. Dabei hatten seltsamerweise alle die gleichen roten Tassen - auf dem Weg von der einen zur anderen Hütte wurde das Renomiergeschirr schnell ausgewaschen und neu befüllt. Die Doppelkekse wurden in der Mitte geteilt, damit es nach mehr aussah - einfach rührend! Was würden diese Leute wohl erleben, wenn sie bei uns um ein Glas Wasser bäten? Nach einigen (Litern) Tee sangen uns dann die mitgereisten Schülerinnen noch Bangla-Lieder vor und versuchten Sabine Sprachunterricht zu geben - was ein Spass für alle! Schade, dass wir am Samstag zurück mussten.
Freitag, 18. Oktober 2002
Die letzte Reise (bis auf den Transitflug im Dezember) nach Dhaka ist auch die bei weitem angenehmste. Mit der MV Aboshar dümpeln wir seit gestern langsam die Flüsse von Süden herauf. Die Sunderbans sind schon Vergangenheit. Nach einer nervigen Bus und umso schöneren Schiffsreise waren wir Dienstag im größten Nationalpark Bangladeshs angekommen. Delphine neben dem Boot, Krokodile an den Seiten und später Herden von Hirschen und Affen entschädigten dafür, dass wir keinen Tiger zu sehen bekamen. Dazu die Ruhe 80 km von jeder Siedlung entfernt, Schwimmen in der Bay of Bengal, grandiose Sternenhimmel und eine tolle Crew mit einem ebensolchen Koch - Herz was willst du mehr. Dazu war das Schiff nur mit 12 (statt 48) Passagieren besetzt und ausnahmsweise kein einziger Idiot dabei. Der einzige Wermutstropfen war Sabines exclusive 2-Zeitzonen-Casio-Uhr, angeblich 10 bar (d. h. 90 Meter) wasserdicht. 20 cm Meerwasser haben gereicht, sie zu killen. Echte Qualitätsware von Kaufhof! Nachdem sich Sabine dann auch noch darüber aufgeregt hatte, dass ich ein Nachtschwimmen am Ankerplatz veranstaltete (tolles Wasser, aber sehr starke Strömung; das schlechte Flusswasser hat bisher keine negativen Symptome hervorgebracht) wurde sie mit einem leckeren BBQ an Bord wieder friedlich gestimmt.
Gerade sind wir auf dem Megna, dem Zusammenfluss von Brahmaputra und Ganges, so riesig, dass man kaum das Ufer sieht. Die Luft ist herrlich frisch, warm und weich und wir werden die letzte Ecke der Lunge damit füllen, um wieder für Dhaka gewappnet zu sein.
Sonntag, 20. Oktober 2002
Dhaka hat uns wieder und wir haben wieder ein paar Nerven weniger. Gestern hat eine Busfahrt (vom Büro zu Babul nach Hause) von ca. 10 km über eine Stunde Zeit gekostet. Dabei überstieg der Geräuschpegel teilweise locker die Taubheitsschwelle. Der Lichtblick ist stehts Babuls Zuhause, wo wir zwei kleine Zimmer für uns allein haben und von Hasima (Babuls Frau) mit köstlichem Essen verwöhnt werden. Gestern Abend waren wir noch von einer Mitreisenden unsrer Sunderbans-Schiffsreise in den amerikanischen Club eingeladen worden. Obwohl die Atmosphäre etwas unwirklich war (auf der Fläche die der Club einnimmt, leben sonst hier in Dhaka ca. 100 Familien), hat die Flasche Wein und der Burger mit richtigenen Pommes Frites doch gutgetan. Morgen geht es dann über Sihlet und die indische Grenze nach Schillong.
Montag, 21. Oktober 2002
Das letzte Stück Bangladesh hat wieder erwarten problemlos geklappt. Obwohl der Domestic Airport von Dhaka nicht ganz so groß ist wie der Wittener Hauptbahnhof, sind wir pünktlich in Sylhet gelandet, wo sich dann eine Horde freischaffender Taxifahrer um uns gebalgt hat. Der Preis fiel innerhalb von 30 Sekunden von 2000 auf 1000 Taka
(ca. 17 Euro), ein sicheres Zeichen, dass wir immer noch zuviel bezahlt haben. Dafür wurden wir aber auch direkt an der Grenze abgeliefert. Alles weitere war dann ein wahres Wunder. Der Grenzbeamte freute sich über Dirks bißchen Bangla, so dass er glatt vergaß, dass wir keine Genehmigung zum Grenzübertritt hatten (wenn man per Flugzeug kommt und auf dem Landweg wieder geht, braucht man eine extra Erlaubnis, die aber mehr kostet und komplizierter ist, als dem Grenzer einfach ein Bakscheech zu geben) und wir noch nicht mal eine Gebühr bezahlen mussten. Der Zöllner, der wiederum alles haarklein in ein seeehr großes Buch eintragen musste, hatte dann arge Schwierigkeiten, in den Pässen unsere Nationalität zu finden, da dort offenbar Deutschland nur auf deutsch steht und er sich nicht die Blösse geben wollte, zu fragen. Also hat er beide Pässe mehrfach durchgeblättert und dann wahrscheinlich irgendwas geschrieben. Keine Gepäckkontrolle, keine Devisenkontrolle - die Bangladeshis haben sich genau so freundlich verabschiedet wie sie - zu 99,9% mit der bekannten Ausnahme im Passamt - in der ganzen Zeit waren. Das Grenzfaktotum - ein altes Männlein namens Babul - hat uns dann nach Indien geführt.
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